Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Anleihe, Steuer, Sammlung
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 349 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Anleihe, Steuer, Sammlung Das Streben, bei der Finanzierung des wirtschaftlichen Aufbaus in Palästina die bisherige Form der Spendensammlung durch die Ausgabe einer Anleihe zu überwinden, hat zwei Hauptgründe. Erstens sind die Ergebnisse der Sammlungen unzulänglich und unsicher, zweitens möchte man vom „Schnorren" loskommen und zu einer rein wirtschaftlich fundierten Form der Geldbeschaffung gelangen. Diese beiden Motive sind nicht nur sehr verständlich, sondern auch geeignet, bestechend für den Anleiheplan zu wirken. Um so wichtiger ist es aber, nüchtern, nicht nur vom Standpunkte des für den Aufbau Palästinas Begeisterten aus, sondern unter Hervorkehrung der in der internationalen Finanzwelt üblichen Gesichtspunkte, die Aussichten einer Palästinaanleihe zu prüfen. Denn im falschen Augenblick in den Vordergrund gerückt, würde die Anleiheidee nicht nur zu einem Mißerfolg führen, sondern auch die Sammeltätigkeit schädigen, die heute die wesentliche, wenn auch immer noch zu langsam fließende Quelle für die Finanzierung des jüdischen Aufbaus in Palästina bildet. Jede Kolonisation — und ökonomisch betrachtet, bleibt die jüdische Aufgabe in Palästina eine kolonisatorische, auch wenn man ideologisch die Palästinaeinwanderung der Juden als eine Rückkehr von Kolonisten in das Mutterland anspricht — kann entweder auf einer aus privater Initiative entspringenden Betätigung beruhen, oder sie kann durch Zuschüsse des Mutterlandes planmäßig gefördert werden. Auch dort, wo auf rein wirtschaftlichem Gebiet, in der Siedlungstätigkeit und der Entwicklung des Handels, die private Initiative ausreicht, bedarf es zur Förderung des Entstehens eines blühenden Gemeinwesens in den Anfängen der Kolonisation der Zuschüsse des Mutterlandes für kulturelle und allgemeine Verkehrsaufgaben. Gilt dies schon für die Kolonisation der europäischen Staaten, so gilt es in weit höherem Maße für die Palästinakolonisation, bei der von Anfang an das Streben nicht nur auf wirtschaftliche Ziele, sondern auf die Schaffung eines kulturellen Zentrums der Judenheit gerichtet ist. Bei der Anwendung von Erfahrungen aus der europäischen Kolonisation auf die Palästinaarbeit muß man sich vor allen Dingen der Einzigartigkeit des Falles der jüdischen Palästinakolonisation bewußt sein. Erstens soll hier eine Kolonisation erfolgen ohne Mutterland. Nicht ein Staat, der aus eigenen Mitteln in den Anfangsstadien Zuschüsse leistet und der seinen eigenen gefestigten Kredit in den Dienst der Kolonie stellen kann, steht fördernd hinter den praktischen Kolonisatoren, sondern ein schwach organisiertes, über viele Länder verteiltes und für die Idee der Kolonisation nur teilweise gewonnenes Volk. Die Zentralstelle zur Förderung der Aufbauarbeiten, die Jewish Agency, ist zwar völkerrechtlich anerkannt, aber sie hat keine Steuerhoheit über die Juden der Welt. Zweitens wird bei dem Palästinaaufbau eine Kolonisation — und zwar keine Ausbeutungs-, sondern eine Siedlungskolonisation für Massen betrieben, bei der die Wahl des Kolonisationsgebietes bewußt nach außerökonomischen Gesichtspunkten erfolgte. Daraus folgt drittens, im großen Gegensatz zu fast allen sonstigen Siedlungskolonien, daß in Palästina die Sied"