Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Vom Tod der Gerechten
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 348 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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34» Martin Buber : Vom Tod der Gerechten Die Namen Rabbi Jizchak von Neshiz sprach vor dem Sterben einige Namen vor sich hin. Die Umstehenden verstanden sie zuerst nicht, dann aber merkten sie, daß es die Namen der Erzväter und Erzmütter waren. Danach sprach er: „Mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele", und wiederholte es Mal um Mal, bis er schweigen mußte. Die Kawwanoth Einige Augenblicke vor seinem Tod sprach der Rabbi von Rozdol die zehn Gebote und den Ruf „Höre Israel!" mit so lauter Stimme, wie man sie all sein Leben nicht gehört hatte. Da verstand seine Frau, daß er die Seele Gott übergebe, und brach in Tränen aus. „Störe mich nicht!" sprach er, „ich übe jetzt die Kawwanoth, die uns von dem heiligen Ari für die letzten Augenblicke überliefert worden sind." Das Zeichen Rabbi Uri lag einige Stunden bewußtlos in der Agonie. Sein Lieblingsschüler, Rabbi Juda Zwi, öffnete von einer Zeit zur anderen die Tür, warf einen Blick auf den Sterbenden und schloß sie wieder. Endlich trat er ein und ans Bett. Die ihm folgenden Chassidim sahen im nächsten Augenblick ihren Lehrer noch einmal den Körper strecken und verscheiden. Als sie später Rabbi Juda Zwi fragten, woran er das Kommen des Todes erkannt habe, antwortete er: „Es steht geschrieben: ,Denn es wird mich der Mensch nicht schauen und am Leben bleiben'. Ich sah, daß er sah." Nicht Einhalt tun Ein vertrauter Freund des Ropschitzers, der Rabbi von Ulanow, lag am Tag der Gesetzesfreude im Sterben. In Ropschitz hatten die Chassidim gerade den großen Reigentanz im Hof des Zaddiks begonnen, als er, im Fenster stehend und mit einem Lächeln zu ihnen niederblickend, plötzlich die Hand erhob. Im Nu hielten sie inne und sahen mit stockendem Atem zu ihm auf. Eine Weile stand er stumm und erschien wie einer, der eben von einer schlimmen Botschaft bestürzt worden ist. Dann hob er die Hand den Chassidim zu und rief: „Wenn in der Schlacht einer der Führer fällt, werden die Reihen sich auflösen und zur Flucht wenden? Die Schlacht geht weiter! Jubelt und tanzt!" Später wurde bekannt, daß in jener Stunde der Rabbi von Ulanow gestorben war.