Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 295 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Strauß: Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas 295 ein Justizirrtum, der vielleicht ein notwendiges Opfer der Staatsraison war. Wer da aufstand und sich für Dreyfus einsetzte, der setzte nicht nur seine Laufbahn aufs Spiel, seine gesellschaftliche Stellung, seine Freundschafts- und Familienbande, seine Gesundheit, sein Leben; er mußte, was mehr war, noch mehr als der Mut, der schon zu all dem gehörte, den inneren Mut aufbringen, in sich selbst die Entscheidung zu fällen. Er trat damit ein in „das Reich der unheilbaren Unruhe, in eine Bitternis, für die es keine Heilung gibt". In diesem Reiche lebte Bernard Lazare. In seiner Gestalt, in seiner kompromißlosen Reinheit verkörperte sich der Weg ins Freie, den sich das Judentum nach jahrzehnte-, nach jahrhundertelanger Dumpfheit schuf. Die Tendenz zur großen Erhaltung, zur Wahrung, zur Ruhe, zur Solidarität war alleinherrschend gewesen; wohl hatten Juden den Kampf für die Rechte des Gewissens, für die Freiheit, für die rücksichtslose Wahrheit geführt, aber außerhalb des Judentums. Hier war er wieder in das Judentum, hineingetragen worden. War zu einem rein menschlichen und dabei tief jüdischen geworden. Zugleich hatte das Judentum in der Dreyfusaffäre sich mit dem Schicksal des innerlich ebenso tief aufgewühlten Franzosentums inniger vereinigt als je zuvor. Wie vorher in der französischen Revolution, aber aktiver noch, hatte es auch in dieser Revolution, deren volle Vorläüferbedeutung vielleicht erst später klar werden wird, teilgenommen am europäischen Schicksal. Seine entscheidenden Stunden fielen mit denen Europas zusammen. Und gerade in diesem Zusammenfallen erwachte wieder der alte tragische Geisteskampf in ihm in neuer Stärke, gerade in dieser Stunde der Schicksalsgemeinschaft mit Europa erwachte in ihm von neuen sein Volksbewußtsein. LEO STRAUSS/COHENS ANALYSE DER BIBEL*WISSENSCHAFT SPINOZAS1) I. Es ist bezeichnend für Cohens Stil, daß er die Kritik eines Gedankens in die Kritik des vielleicht zufälligen Ausdrucks für den Gedanken kleidet. Dies ist die Art unserer intensiven, eindringlichen, die Worte schwer und ernst nehmenden traditionellen Auslegungskunst. So stößt er sich *) „Spinoza über Staat und Religion, Judentum und Christentum." 1915 (Jahrbuch für jü<L Geschichte und Literatur 18, 56—150; jetzt wieder abgedruckt im 3. Bande der gesammelten Jüdischen Schriften Hermann Cohens, die als eine Publikation der „Akademie für die Wissenschaft des Judentums" im Verlag von Schwetschke, Berlin soeben erschienen ist).