Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 294 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Hans Kohn: Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre sehen? Wer voraussagen, was im Laufe des Kampfes, der notwendig folgen mußte, alles erschüttert und gefährdet werden konnte? Man hatte seine Interessen. Und da kam dieser Einzelne, dieser Schwärmer, der keine Interessen hatte, keine Interessen kannte, dieser Anarchist, und störte die Ruhe. Sie kamen erst zu ihm, folgten ihm, als es nicht mehr anders ging, als führende französische Intellektuelle sich für ihn eingesetzt hatten, — und auch da zauderten die meisten Juden noch. Aber die Entscheidung war gestellt worden, nach langer Zeit wieder im Judentum. Charles Peguy hat von Lazare gesagt: „Der Prophet in dieser großen Krise Israels und der Menschheit war Bernard Lazare." (Und weiter sei zitiert: „Wenn der Prophet vorbeigeht, glaubt Israel, daß es ein Publizist ist. Wer weiß, vielleicht ein Soziologe." „Ich werde das Porträt Bernard Lazares zeichnen. Er hatte unzweifelhaft Züge eines Heiligen an sich.- Er hatte eine Sanftheit, eine Güte, eine mystische Zärtlichkeit, eine Gleichheit der Stimmung, eine Erfahrung der Bitternis und der Undankbarkeit, eine Art vollkommen unterrichteter Güte von unglaublicher Tiefe.") Es war eine Krise Israels und der Menschheit. Eine Krise Frankreichs. Peguy hat den Gegensatz der beiden Parteien dargestellt, einen ewigen Gegensatz, der alle Geschichte durchzieht. „In Wahrheit war die eigentliche Stellung der Leute, die wir vor uns hatten, lange nicht die, Dreyfus schuldig zu erklären oder zu glauben, sondern zu glauben und zu erklären, daß, unschuldig oder schuldig, man nicht für einen Mann, für einen einzigen Mann das Leben und das Heil eines Volkes, das ungeheure Heil eines ganzen Volkes stören, es nicht umstürzen, es nicht kompromittieren dürfe. Und wir stellten uns auf keinen geringeren Standpunkt, als den des ewigen Heils Frankreichs. Alles war gegen uns. Die Weisheit und das Gesetz, ich verstehe darunter die menschliche Weisheit, das menschliche Gesetz. Die anderen sagten: Ein Volk, ein ganzes Volk ist eine ungeheure Ansammlung der berechtigtsten Interessen, der heiligsten Rechte. Tausende, Millionen Leben hängen davon ab, in der Gegenwart, in der Vergangenheit, in der Zukunft, die ganze Geschichte, der ganze Aufstieg, das ganze Versprechen eines Volkes und einer Rasse. Alles, was unschätzbar, unberechenbar, unendlich wertvoll ist, weil es nur einmal entsteht, weil es niemals wieder beginnt, weil es ein einziges Gelingen ist. Ein Volk hat nicht das Recht, dies alles für einen Mann aufs Spiel zu setzen, wer er auch sei, wie berechtigt auch seine Rechte seien . . . Und wir sagten: Eine einzige Ungerechtigkeit, ein einziges Verbrechen, besonders wenn es offiziell bestätigtest, eine einzige Beleidigung der Gerechtigkeit und des Rechts, besonders wenn sie allgemein, national, bequem angenommen ist, bricht und genügt, um den sozialen Vertrag zu brechen. Eine einzige Ehrlosigkeit genügt, um ein Volk zu entehren." Gegeneinander standen die französische Gesellschaft, das französische Volk, die Armee, alle geheiligten traditionellen Institutionen des Volkes, seine Ehre, vielleicht die Gefahr eines Krieges, seine Existenz; auf der andern Seite vielleicht ein Justizirrtum, wie deren so manche geschehen sind,