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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 292

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre
Date
1924-01-01
Page
292 (sequence 2)
Language
German
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292 Hans Kohn: damit von selbst auf das Problem des Wesens des Judentums. „Diese Rasse war der Zielpunkt des Hasses aller Völker, in deren Mitte sie sich niedergelassen hat. Daher müssen die grundlegenden Ursachen des Antisemitismus immer in Israel selbst bestanden haben und nicht in jenen, die es bekämpften." Von hier die Erkenntnis, daß die Juden stets ein eigenes, nationales Leben durch all die Jahrhunderte geführt haben und daß sie auch das Bewußtsein ihrer besonderen Nationalität besessen haben. Von der Erkenntnis und Anerkennung des Judentums schritt er zu dessen Bejahung. Es gilt, die jüdische Eigenart zu verbessern, aber sie zu bewahren. Die Zerstörung des jüdischen Bewußtseins hat nur zu einer „informe gelatine juive, infiniment m6prisable" geführt. Er geht bis ans Ende, er wendet sich der leidenden jüdischen Masse, den Proletariern des Ghettos zu. 1899 gründet er die erste zionistisch-sozialistische Zeitschrift „Le Flambeau, organe du Judaisme Sioniste et Social". Er trat der zionistischen Bewegung bei. Herzl und er waren ungefähr zu gleicher Zeit, in der gleichen Stadt, zu ihrer neuen Erkenntnis gelangt. Aber Lazares Gesinnung erlaubte auch hier keine Kompromisse, keine Rücksichten. Ihre Wege mußten sich bald trennen. Lazare wollte von Diplomatie und Banken nichts wissen. Er wandte sich gegen den bürgerlich-staatlichen Charakter der Bewegung. „Je ne suis pas de ce gouvernement. II n'est pas celui que r6vaient jadis les prophfetes ou les humbles gens qui ecrivaient les psaumes. Mais si je me separe de vous, je ne me söpare pas du peuple juif, de mon peuple de prol£taifes et de gueux, et c'est ä sa liberation que je continuerai ä travailler, quoique par des voies qui ne sont pas les votres", schrieb er 1899 an Herzl. Er wurde dadurch der erste Anreger einer Reihe von Bewegungen innerhalb des Zionismus, die von ihm nichts wußten und doch in seinen Wegen weitergingen. Jenseits aller persönlichen Eitelkeit, jenseits aller offiziellen Rolle, in tiefer Liebe und Menschlichkeit, stieg er auf den Grund seines Volkes hinab. „Ein Mann, der sich auf eine Zeitung stürzte", hat Charles P6guy von ihm geschrieben, „und in ihren vier Seiten* in ihren sechs, acht, in ihren zwölf Seiten mit einem einzigen Blick, wie der Blitz eine Zeile erfaßte und in dieser Zeile stand das Wort ,Jude'; ein Wesen, das brüllte, das erbleichte, ein alter Journalist, den eine kleine Nachricht erschütterte, die er in dieser Zeitung fand, ein Telegramm, einige Zeilen in der lokalen Chronik, und in diesem Telegramm, in dieser lokalen Notiz, in diesem Bruchteil eines Artikels war das Wort , Jude'; ein Herz, das in allen Ghetti der Welt blutete, überall, wo der Jude verfolgt wird, und das heißt in einem gewissen Sinne überall. Niemals hat ein Mensch sich so für das Haupt seiner Rasse und seines Volkes gehalten, verantwortlich für seine Rasse und sein Volk. Ich habe niemals einen Mann gesehen, der so an einer Last, an einer ewigen Verantwortung getragen hätte. So wie wir die Verantwortung für unsere Kinder, für unsere eigenen Kinder tragen und fühlen, ebenso, genau so trug er die Verantwortung für sein ganzes Volk." Es ist von Bedeutimg, daß dieser Augenblick der Besinnung auf sich, auf sein Judentum, daß diese Entscheidung gerade in einem Augenblick

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