Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 291 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Kohn: Bernard Lazare und die Dreyfus-Affäre 291 HANS KOHN / BERNARD LAZARE UND DIE DREYFUS*AFFAIRE Als Bernard Lazare, der 1865 in Nimes im Süden Frankreichs geboren wurde, am Ende der achtziger Jahre nach Paris kam und sich dort dem neuen Kreise der symbolistischen Dichter anschloß, wußte er nichts von seinem Judentum. Als er 1903 starb, galt er für einen Sonderling. Heute ist er fast vergessen. Er war keiner der Schriftsteller, deren Werke bleiben; seine Worte waren von der Rhetorik der Südfranzosen nicht immer frei. Aber sein Leben und seine Gesinnung boten das vorbildliche Beispiel eines, in dem der alte Geist der Propheten wieder erwacht ist. Gälte es, ein jüdisches Leben aufzuzeigen in den letzten fünfzig Jahren, in dem die reinsten und edelsten Tendenzen jüdischen Wesens so voll Wirklichkeit wurden, wie es in einem menschlichen Leben gestattet ist, könnte immer auch auf Bernard Lazare verwiesen werden. Er war einer von denen, der keinen billigen Frieden gewollt und der Entscheidung gesucht hat, einer der Cäsar nichts gab und alles Gott, einer von den ewigen Kämpfern und Pilgern bergan. Er war Anarchist wie Gustav Landauer. Von seltener Reinheit und daher fern jeder Partei. Er hat wie die Propheten nur einen Richter und eine Richtschnur anerkannt: die Stimme des eigenen Gewissens. Für ihn war die Wahrheit, die er erkannt, die Gerechtigkeit, die er gefordert, etwas Absolutes, dem alle Rücksichten auf Zeitliches, auf alle Tradition und alle natürlichen Interessen geopfert werden mußten. Er wußte, daß Gott die Entscheidung verlangt und daß es gilt, selbst Vater und Mutter zu verlassen, um ihm zu folgen. Gewänne man auch alle Schätze der Erde, mißachtete aber nur im geringsten die Stimme des Gewissens, wäre dies alles nichts wert. Dies ist Anarchismus. Der Anarchismus der Propheten und Jesu, der Anarchismus des Gottesreiches, darin es keine andere Autorität gibt als die Stimme Gottes und seiner Gebote im geläuterten Menschenherzen. Dies ist die Leugnung aller anderen, weltlichen Autorität und aller Rücksicht auf zeitliches Gut. Dieser anarchische Kampf für die Gerechtigkeit schlechthin machte . Bernard Lazare zum Vorkämpfer der Dreyfusaffäre. Zugleich zu dem reinsten Vertreter der Sache, der später, als die Lorbeeren des Sieges in die Vorteile der erlangten Macht sich wandelten und an die Stelle des alten Fetischs ein neuer trat, völlig beiseite stand und im Namen der Freiheit und Gerechtigkeit den Antiklerikalismus Combes bekämpfte. Die Dreyfusaffäre aber, die tiefe Prüfung des eigenen Gewissens, der Mut der Entscheidung, den ihr erstes Stadium erforderte, ließ diesen Franzosen sich auch auf sein Judentum besinnen. Er begann, den Ursachen und Äußerungen des Antisemitismus nachzugehen — die vorurteilsloseste Untersuchung über dieses Gebiet war die Frucht seiner Forschungen — und kam 19*