Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Frugs Tragödie
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 561 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875887-3109190--0779-3109282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen Phantasie des Dichters und löschte in seiner Seele die aufflammenden Feuer. Die Sprache läßt sich nicht knechten — bald laut und herrisch, bald einschmeichelnd und bezaubernd verlangt sie völlige Unterordnung, sie ist unendlich eifersüchtig und auf tausend sichtbaren und unsichtbaren Wegen gelangt sie dahin, daß man sich ihr völlig hingibt, ungeteilt, restlos. Gleichsam ihre Netze ausbreitend, öffnete die fremde Sprache dem Dichter ihre Weiten, aber in dieser grenzenlosen, fremden Welt erstickten häufig seine künstlerischen Bestrebungen im Überfluß an fremder und Mangel an heimischer Luft. In der Seele barg er seine eigene originale Welt, doch indem er für sie äußeren Ausdruck durch das Wort suchte, fühlte sich Frug häufig durch die Kraft der fremden Sprache zu den Quellen und Wurzeln einer fremden Welt gelockt, und zuweilen ertappte er sich auf der Schwelle des fremden Tempels. In solchen Augenblicken „füllte sich sein Herz mit Liebe und mit Glauben und von den Saiten riß ein russisch Lied sich los". Immer wieder erstickte Frug diese unwillkürlich von Zeit zu Zeit hervorbrechenden Wallungen, um sich dann von neuem in Vergessenheit ihnen hinzugeben und von neuem sie zu verjagen. Frugs Leben ist die unheimliche Schilderung eines unaufhörlichen Zweikampfes zwischen der Sprache, die die innere Welt des Dichters nicht anerkannte und ihm die Empfindung der ihren einflößte, und dem Dichter, dem sein Ich teuer war und der immer nach dessen Bejahung strebte. Die Folge dieses qualvollen Kampfes war, daß der Dichter die Welt verließ, weit entfernt davon, sein Eigenes ausgesprochen zu haben. Frug hinterließ uns viele unvergeßliche Lieder, aber sein Lied ist unvollendet geblieben, ohne sich in seinem wahren und tiefen Wesen ganz offenbart zu haben. Der Historiker der Zukunft wird ihn in die Reihen der geistigen Märtyrer des verbannten Volkes aufnehmen. In der Dämmerung seiner letzten Tage sagte Frug dem Schicksal Fehde an, der Märtyrer wurde zum Helden, der mit dem Rest seiner Kräfte sich das zu erkämpfen versuchte, was ihm von Rechts wegen gehörte, was ihm geraubt wurde durch die zerreibende Macht der Fremde: er begann in seiner eigenen Sprache zu schaffen, er erhob sich zu den ersten Stufen des eigenen, während des ganzen Lebens so heiß ersehnten Tempels. Wer weiß — vielleicht träumte er wirklich davon, seinen dornenvollen Pfad einzutauschen gegen jenen „derech hamelech", den freien und wahrhaft königlichen Weg, den unsere eigene Dichtung von neuem beschritten hat? Aber das Schicksal war stärker Heft 8. als seine Träume, sein Leben zerriß an den Toren des Heiligtums, dem er sich mit versagenden Schritten genähert hatte. So verging Jehuda Haie vi vor den Toren des ersehnten Jerusalem. Chaim Grünberg „Polnische Juden" Es hat einen sehr langen Kampf gekostet, bis sich das Wort „Ostjude" durchsetzte und der europäischen Welt eine klarere Vorstellung von der Tatsache der in sich abgeschlossenen Kulturpersönlichkeit der jüdischen Hauptgruppe vermittelte. Damit ist aber die ältere geläufige Bezeichnung polnischer Jude" noch lange nicht erledigt. Wiewohl sie in mehrfacher Hinsicht irreführend ist — auch die litauischen, wolhynischen und bessarabischwalachischen Juden sind „polnische Juden" und die polnischen Juden selbst sind nichts weniger als polnisch — und außerdem alte Vorurteile gegen die Art, der sie gilt, mit sich schleppt, kann es sich doch manchmal, gerade in Hinsicht auf diesen letzten Nachteil, empfehlen, sie zu gebrauchen. Den Stier bei den Hörnern packen, führt zuweilen auch zum Ziele. Täuschen wir uns nicht: das Wort „Ostjude" hat vielleicht manches dazu beigetragen, um viele Westler und namentlich westliche Stammesgenossen der polnischen Juden über diese neu zu orientieren, ja sogar oft zu deren Sachwaltern zu machen. Aber im ganzen und großen hat der Namenswechsel und insbesondere die ziemlich leichtfertig geschäftige, vielfach sogar konjunkturmäßige Kampagne der letzten zwei Jahre recht wenig gewirkt. Auch diejenigen, die nun daran sind, den anderen, der großen Menge, den Horror vor den polnischen Juden auszureden, sind zumeist selber nicht frei von ihm. Soll ein gründlicheres und aufrichtigeres Umlernen Tatsache werden können, dann darf vor allem nicht mit apologetischem Zeug und mit apologetischen Methoden gearbeitet, sondern diejenigen, die zu interessieren sind, müssen einfach bis ganz nahe an die Wirklichkeit geführt werden. Von dem „ Buch von den polnischen Juden", das, von S. J. Agnon und Ahron Eliasberg herausgegeben, im Jüdischen Verlag in Berlin erschienen ist, kann man sagen, daß es hierin einen löblichen Anfang gemacht hat. Gewiß, es hat die Aufgabe bei weitem nicht restlos gelöst. So zeugt der eigentümlich antikisierende oder besser romantisierende Stil des geschichtlichen Teiles noch von einer gewissen Unzulänglichkeit in der Erfassung der Aufgabe. Auch ist mancher 39