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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 560

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Frugs Tragödie
Date
1916-11-01
Page
560 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Frugs Tragödie (Zur Nachricht von seinem Tode) Kaum einer der Männer aus den beiden letzten Generationen der russischen Judenheit hat in einem solchen Kreuzfeuer von inneren Kämpfen, seelischen Widersprüchen, Anziehung und Abstoßung gelebt wie Simon Samuel Frug. Er verbarg schamhaft vor unserem Blick dies schwere seelische Ringen, er verbarg es wohl auch vor sich selbst, indem er es durch äußere Ruhe und Abrundung verdeckte, doch einem empfindsamen und liebenden Ohr kann in seinen abgemessenen Strophen die unterdrückte Stimme der ewig tobenden Stürme nicht entgehen. Denn Frug war nicht nur berufen, ein Sänger der zerronnenen Hoffnungen und des seelischen Martyriums seiner Generation zu sein. Wohl hatten die innere Gebrochenheit und das neuerwachte nationale Gewissen dieser Generation in ihm ihren feinnervigen Dichter, und der Historiker der Zukunft wird kaum dankbarere „menschliche Dokumente" für Geist und Charakter dieser merkwürdigen Zeit der Ideenkrise und der daraus entstehenden neuen Strömungen finden, als Frugs Gedichte, die historisch-autobiographische Wahrhaftigkeit atmen. Aber er hatte noch eine andere, von seiner Zeit und Generation unabhängige Berufung, er hatte etwas Organisch-persönliches, von der Umwelt ihm nicht Eingehauchtes, niemandem Abgelauschtes, das sich in der Tiefe seines Künstlertums barg, und dieses ,,Etwas" war vielleicht das Dominierende und Wesentliche, womit die Natur ihn begnadete. Er war geschaffen, ein Sänger der jüdischen Vergangenheit zu sein. Er sehnte sich instinktiv nach der uralten Welt des originalen Judentums, zeitlebens strebte er nach der Erschließung seines Ichs in der historischen Urkraft seines Volkes. Über die ewig-jungen Quellen unseres Urseins gebeugt, lebte er in den für ihn lebendigen Bildern des jüdischen Altertums, in dessen Motiven und Landschaften. Er war „klassisch" in seinem Weltgefülil, ersah nicht den Abgrund zwischen sich und den längst vergangenen Zeiten, und vielleicht mehr als irgendein Dichter der letzten Jahrhunderte war er dazu berufen, diese Welt des Altertums vor uns aufzubauen und uns ein weites Panorama vergangener Zeiten zu malen. Wenn jeder wahre Künstler mit einer vorausbestimmten Mission zur Welt kommt, mit einem inneren Befehl, das Wertvollste an ihm der Außenwelt mitzuteilen, so hatte auch Frug die seine: die Schönheit und den Reiz der biblisch-agadischen Welt wiederzuschaffen. Er trug in sich potentiell die Kraft der weiten künstlerischhistorischen Verallgemeinerungen, einer neuen und eigenartigen Umdichtung der eigenartigsten Epochen unserer Urzeit. Es war ihm aber nicht beschieden, diese Kraft in vollgewichtige kinetische Energie zu verwandeln, denn nur allzu oft fand sie die weiten Ausgänge, die sie brauchte, verschlossen, allzu oft zerbrach sie an den engen Pforten, die sich ihr öffneten. Frug war aufrichtig, wenn er von seinem traurigen Schicksal sprach, von ,,dem Hunger nach Freiheit und dem Schicksal des Sklaven", von dem „Schwung der mächtigen, aber gebundenen Flügel": daß er seine wertvollsten Anfänge nicht hat zu Ende führen können, darin liegt das tragische Schicksal seines Lebens. Frug — nicht der Frug, der wie ein Brennspiegel den Schmerz und die Qualen seiner Generation sammelte und ausstrahlte, sondern der, der uns gesandt wurde, um freudig und durchdringend das Alte und Ewige im Judentum neuaufleben zu lassen — dieser Frug blieb unerschlossen und hat als Schuldner gegen sich selbst die Welt verlassen. Er konnte sich nicht erschließen, denn er war gefesselt in den Ketten der fremden Sprache — in goldnen, glänzenden Ketten, die um so schmerzhafter drückten, je heller sie leuchteten. In seinen Ohren klang melodisch die fremde, erlauschte Rede, sie spielte leicht auf seinen Lippen, Verse und Reime flössen in freiestem Strom, doch dieser Strom hatte oft das Beste und Bedeutendste des Dichters mit sich fortgerissen. In dem Augenblick, da der Dichter sein Auge auf den geliebten Punkt der lockenden heimatlichen Vergangenheit konzentrierte, wich die fremde Sprache, machte den Boden unter den Füßen schwankend, verführte die

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