Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Altjüdische Geschichten
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 557 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Altjüdische Geschichten 557 Ding, das nicht auszuführen ist. Die Strafengel sprachen einst: Hätte dieser Mann einen Sohn und stimmte dieser während des gemeinsamen Gebetes den Gesang an: Lobet den Herrn, den Allgelobten — und riefe die Gemeinde dazu Amen, so würde das den Sünder von seiner Pein erlösen. Ich aber habe keinen Sohn; ich habe wohl eine Frau hinterlassen, die, als ich starb, schwanger war, ich weiß aber nicht, ob sie einen Knaben oder ein Mädchen geboren hat; und ist es auch ein Knabe, wer soll ihn in der Schrift unterweisen? Ich hatte keinen Freund in dieser Welt. Alsbald nahm sich R. Akiba vor, nach jener Stadt hinzugehen, wo der Tote gewohnt hatte, und wenn dieser einen Sohn hätte, ihn zu unterrichten. Akiba fragte den Toten: Wie ist dein Name? Der erwiderte: Ich heiße Akiba. Der Lehrer fragte weiter: Und wie war der Name deines Weibes? Der Mann antwortete: Sie hieß Sisna. Akiba fragte: Und wie hieß die Stadt, in der du wohntest? Der Tote entgegnete: Ich wohnte in Laodizea. Also begab sich R. Akiba dorthin und fragte nach dem verstorbenen Zinspächter. Die Stadteinwohner riefen, als sie seinen Namen hörten: Zerrieben mögen die Gebeine dieses Bösewichtes werden! Akiba sprach: Dennoch laßt mich von ihm wissen. Die Leute sprachen: Ein Sohn ist ihm nach seinem Tode geboren, und der ist unbeschnitten. Da ließ Akiba den Knaben holen, und er beschnitt die Vorhaut seines Fleisches; danach fing er an, mit ihm in der Schrift zu lernen, und suchte ihm den Tischsegen beizubringen. Allein der Junge begriff nichts von der Lehre. Da fastete R. Akiba des Knaben wegen vierzig Tage. Eine Stimme kam aber von oben und rief: Akiba, um eines solchen Geschöpfes willen legst du dir ein Fasten auf? Akiba erwiderte: Herr der Welt! habe ich mich doch vor dir für dieses Kind verbürgt. Alsbald öffnete Gott das Herz des Knaben, und er lernte das Höre Israel und die achtzehn Segenssprüche sagen. Danach führte ihn Akiba in das Bethaus, und der Knabe rief: Lobet den Herrn, den Allgelobten! Die ganze Gemeinde erwiderte: Amen! Sogleich wurde der Tote von der Strafe befreit, die bislang über ihn verhängt gewesen war. In der Nacht darauf erschien er R. Akiba im Traume und sagte: Dein Sinn werde ruhig, denn du hast mir Ruhe verschafft. Da hob Akiba an und sprach: Gelobt sei der Ewige, der den Willen seiner Frommen tut! Der Auferstandene Ein Talmudlehrer, namens R. Nahaman, der Sohn Isaaks, hatte einen Acker erworben, und auf diesem war in einer Ecke ein Schutthaufen. Da stellte er Arbeiter an, um diesen Haufen abzutragen. Als die Leute aber zu schippen anfingen, sprang ein Mensch aus dem Schutt hervor und rief, an den Gliedern schlotternd: Die Zeit der Auferstehung ist wohl gekommen? Da liefen die Arbeiter zu R. Nahaman und erzählten ihm, was ihnen widerfahren war. Der Lehrer ging auf das Feld hinaus und sah den fremden Mann auf dem Schutthaufen sitzen. Er fragte ihn: Wer bist du? Der Fremde erwiderte: Ich bin tot für die Welt, in der du lebst. Warum hast du mich aufgestört und hast die Erde, die über mir lag, wegschaufeln lassen? R. Nahaman antwortete: Wußte ich doch nicht, daß du darunter schliefest. Und er sprach weiter: Wie meintest du es, als du sagtest, die Zeit der Auferstehung sei gekommen? Ist diese Zeit in Wahrheit erfüllt? Der Tote entgegnete: Die Stunde hat bisher nicht geschlagen; weil du mich aber aufgeschreckt hast und mich vor der Zeit hast aufstehen lassen, sagte ich das, damit du begreifest, was du an mir getan