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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 192

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Soziologische Geschichtsschreibung?
Date
1923-01-01
Page
192 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Soziologische Geschichtsschreibung? haftet — es ist sehr wohl denkbar, daß nichts weniger „objektiv", dem Gegenstand entsprechend, wäre als eine derartige Nebenordnung; dieses wäre nämlich dann der Fall,wenn in dem zu behandelnden Gegenstande in unverkennbarer Weise eine Tatsachen-Gruppe vorherrscht. Aber, wie dem auch sei: „Objektivität" als Gerechtigkeit könnte jedenfalls durch die Soziologie, speziell durch deren ökonomistische Spielart, von Dubnow erzielt worden sein: gibt es doch in der jüdischen Geschichte eine ganze Reihe von Tatsachen, die auf ökonomische Faktoren zurückführbar sind. Es erklärt sich etwa leicht, weshalb die Zünfte judenfeindlicher waren als das absolute Fürstentum, woraus sich die Indifferenz des Judenproblems gegen die Demokratie ergäbe — weshalb das Polen des 19. und 20. Jahrhunderts judenfeindlicher ist als das des 14. Jahrhunderts, woraus man die Indifferenz des Judenproblems gegen die Zivilisation ersehen könnte u.a.m. Man hütet sich, indem man die Verursachtheit vieler geschichtlicher Tatsachen durch so amoralische Verhältnisse wie die der wirtschaftlichen Konkurrenz durchschaut, vor billigem Moralisieren, vor Greinen und Schimpfen. Wenn man solcherlei von der soziologischen Betrachtung erwarten zu hülfen glaubt, so wird man bei Dubnow enttäuscht werden. Dubnow gehört zu jenen Historikern mit „dick verbundenen Köpfen", von denen Nietzsche mit Rücksicht auf Treitschke und Sybel sprach. Er denkt gar nicht daran, im Antisemitismus etwas anderes als sei es grundlosen, sei es in den niedrigsten Antrieben begründeten Haß zu sehen. Aus einer brutalen Sinnlosigkeit — dem deutsch-französischen Krieg — erwächst eine Steigerung des Willens zur brutalen Sinnlosigkeit — der deutsche Militarismus — und damit der Antisemitismus als eine Spezialform der brutalen Sinnlosigkeit. Mit Vorliebe geht Dubnow auf die peinlichen, wie man sagt: „persönlichen" Motive der Antisemitenführer ein. Daß eine derartige Betrachtung den Antisemitismus nicht versteht, ist klar. Was will sie mit einem so grundwahrhaftigen Manne wie Lagarde anfangen? Das Analoge gilt für Dubnows Beurteilung der deutsch-jüdischen Verhältnisse. Damit ist natürlich in keiner Weise gesagt, daß der Historiker lau sein oder auf Wertungen verzichten müsse. Pinsker versteht den Antisemitismus zehnmal gründlicher als Dubnow, und gibt seinem Haß gerade darum einen viel tieferen und wirksameren Ausdruck. Von diesem prinzipiellen Mangel abgesehen, ist das Werk Dubnows ganz unentbehrlich als die einzige zusammenfassende Darstellung der jüdischen Geschichte der jüngsten Vergangenheit, die alles zugängliche Material verarbeitet. Es ist nicht das, was zu sein es beansprucht: „Synthese" des Materials. Es handelt sich oft um nicht mehr als um eine zweckmäßige Zusammenstellung von Zeitungsberichten und Leitartikelurteilen. Es fehlt jede die geschichtlichen Tatsachen aus ihrem inneren Gesetz konstruierende Idee; die politischen Ideale des Autors werden mit einem gewissen Stumpfsinn an die geschichtlichen Tatsachen her angehalten. Es gibt jedoch einen Gesichtspunkt, von dem aus sich der Aufbau des Dubnowschen Werkes: lineare Aufzählung von, meistens sehr traurigen, Begegnungen des jüdischen Volkes rechtfertigen läßt. Die. ausführliche, von starken Gefühlen getragene Schilderung des Leidens der russischen, polnischen und rumänischen Juden hat ihren Wert in sich: als Martyriologie. Deren Wichtigkeit wird niemand bestreiten dürfen. Denn erstens hat sie die Lebensfunktion, jenen tiefen Haß in uns lebendig zu erhalten, der uns das Dasein in dieser Welt des Hasses ermöglicht, sie ersetzt uns Heer und Festungen; und zweitens ist sie die erkenntnismäßige Bewahrung einer wesentlichen Lebensform unseres Volkes, nämlich des Leidens als solchen. Dieses ist ja durchaus nicht bloß passives Erfahren von Gewalt, sondern es ist innerlich vorbereitet, gleichsam gewollt, ehe von diesem Erfahren viel die Rede sein konnte. So töricht für die soziologische Betrachtung die Auffassung der Völker der Welt als nichts anderes als grausame Quäler von Wehrlosen ist, so sinnvoll und unvermeidlich ist sie hier, wo die Völker der Welt n u r als Korrelat des Leidens des jüdischen Volkes, als Verursacher dieses Leidens in den Gesichtskreis treten. Der Gegenbegrifi der Gewalt ist in diesem Zusammenbang nicht das „Recht", sondern das Erfahren, von Gewalt. Hier fällt jeder Appell an Völkerbund und Demokratie, jede Behauptung eines Anspruchs darauf, nicht gequält zu werden, als peinlich dahin: - es bleibt nur die S'lichah. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß Dubnow auch diesen Gesichtspunkt verfehlt: er ist ihm durch seinen kräftigen Glauben an die national-kulturelle Autonomie völlig verbaut. Leo Strauß Für die Redaktion verantwortlieh: Dr. Ernst Simon, Frankfurt am Main. Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julius Beltz in Langensalza

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