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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 191

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Soziologische Geschichtsschreibung?
Date
1923-01-01
Page
191 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Soziologische Geschichtsschreibung? an, es sei damit die Zurückhaltung von affektbetonten Urteilen gemeint, die ruhige Abwägung der beiden Seiten, die eine jede Sache, also auch die jüdische Geschichte in der Zeit von 1881—1914, hat; die Vermeidung jedes Doktrinarismus in der Beurteilung geschichtlicher Tatsachen; die kritische, möglicherweise skeptische Beurteilung auch solcher Tatsachen, deren gutgläubiges Ernstnehmen für die parteipolitische Position des Autors taktisch geboten sein könnte. Diese willkürliche und wenig geordnete Aufzählung von Kriterien der „Objektivität" paßt sich den auffallendsten Formen der „Subjektivität" an, die das Geschichtswerk Dubnows charakterisieren. Ich vermisse z. B., um mit dem zuletzt aufgeführten Punkte zu beginnen, bei der begeisterten Schilderung der englischen Protest-Bewegung gegen die russischen Pogrome eine ungenierte Würdigung der weltpolitischen Hintergründe dieser Bewegung; denn daß die Engländer, im Übrigen ehrlich überzeugt von dem rein moralischen Ursprung ihres Kampfes für die Minoritäten, doch nicht das Mindeste politisch tun, was nietfit politisch für sie nützlich ist — darauf, als auf die Realität, hat, wie mir scheint, der Historiker, als der Darsteller von Realitäten, mit einigem Nachdruck aufmerksam zu machen. Freilich brauchte der Politiker, der die in Rede stehende Tatsache zum Druck auf die russische Regierung ausnutzen wollte, die Bedingtheit dieser Tatsache gar nicht zu erkennen — es genügte ihre, gleichgültig worin motivierte, verwendbare Massivität. Ein innerpolitisches Beispiel: Niemand wird bezweifeln, daß es ein zweckmäßiger politischer Trick ist, zur Bekämpfung der politischen Bemühungen Herzls beim deutschen Kaiser von Verhandlungen „des Nachkommen der Hasmonäer mit dem Nachkommen der Kreuzfahrer" zu sprechen, so zweckmäßig vielleicht wie in der deutschen Politik die Diskreditierung einer russophilen Außenpolitik durch häufige Verwendung von Namen wie Apfelbaum und Braunstein — aber das ist natürlich keine gewissenhafte historische Charakterisierung, vielleicht nicht einmal eine ganz faire Politik. Dubnow ist empört über u"en Kampf der vorigen Jahrgangs) auch diese scharfe Kritik, ohne nun die Diskussion, die ja methodisch von Wichtigkeit ist, M durchaus abschließen zu wollen. Vielmehr sind uns neue Gegenäußerungen durchaus erwünscht. D. Red. russischen Regierung gegen den jüdischen Staat im Staate — aber den Kampf der französischen Radikalen gegen die kirchlichen Kongregationen begrüßt er begeistert als einen Kampf gegen „einen Staat im Staate — das Brutnest des kirchlichen Fanatismus und des Hasses gegen die Demokratie". Aus demselben Grunde müßte es einer kriegführenden Regierung erlaubt sein, den jüdischen Staat im Staate als „Brutnest des Defaitismus" auszurotten, wenigstens wenn unser Autor Recht hat, der das sechste Gebot mit „Töte nicht', übersetzt. Was wird eigentlich mit solchem sinnlosen Zitieren von Bibel-Stellen angestrebt? Ich habe mich schon oft gewundert, daß man bei der Erörterung des Wesens jüdischer Politik — natürlich ist auch Dubnow davon überzeugt, daß sich der jüdische Geist auf die Formel: Kampf der Gerechtigkeit gegen die Gewalt bringen lasse, welche Formel nun aber bei ihm eine originelle, nicht sowohl moralische als vielmehr schlaue Ausdeutung durch die Identifikation der Vertretung der jüdischen Interessen mit der „Gerechtigkeit" und der Bekämpfung der jüdischen Interessen mit der „Gewalt" erfährt-— immer dieselben, aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen aus den Schrift-Propheten, denen sich natürlich genau eben so viele entgegengesetzt lautende entgegensteller ließen, anführt. Ich möchte mich an die ganz eindeutige, auf unsere Lage in der Galutb ohne weiteres anwendbare Stelle Josua. Kap. 9, V. 7 halten. Doch wir kommen ab. Es handelt sich jetzt um die „Subjektivität" Dubnows. Den Krieg von 1870/71 bezeichnet er als „sinnlose Schlägerei", das Deutschland vor dem Kriege war ein „Kasernenstaat, in dem der blinde Kultus des Vaterlandes und der Armee alles unterdrückte und entpersönlichte", es gibt ein „heiliges Recht des Menschen auf Freizügigkeit" usw. Man könnte solcherlei für Albernheiten halten, zu nebensächlich, um von ihnen viel Aufhebens zu machen, wenn sie nicht so durchaus bezeichnend für die ganze Einstellung des Werkes wären. Das Ideal der „Objektivität" soll mittels der Methode der „Soziologie" realisiert werden. Unter soziologischer Betrachtung versteht nun Dubnow die gleichmäßige Heranziehung der ökonomischen, politischen und kulturellen Tatsachen. Wir wollen hier nicht auf die prinzipielle Schwierigkeit eingehen, die der Forderung der gleichmäßigen Heranziehung der ökonomischen, politischen und kulturellen Tatsachen an-

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