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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 3 · p. 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 3
Article
Landung und Quarantäne
Date
1923-01-01
Page
146 (sequence 10)
Language
German
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Albert Maurüber: Landung und Quarantäne Ich mache nochmals einen Gang durch das Lager und wünsche mir einen photographischen Apparat, um ein Landschaftsbild aufzunehmen,, das der zionistischen Propaganda dienen würde: unterhalb des mit Blech beschlagenen Waschtisches hat sich grünliches, schimmelbedecktes, stinkendes Wasser angesammelt, das keinen Abfluß hat. Dieses Bild, zu dem man zahllose Titel erfinden kann: „Bekämpfung der Malaria", „Kultivierung des Landes", aber auch „Die Erfüllung der Deklaration", „Pflichterfüllung eines Quarantänearztes", „Fürsorge für die Immigranten" — würde man mir natürlich nicht glauben. Und jeder Stammtischzionist würde sich über mich entrüsten und seine „heiligen Güter" vor meiner „Ironie" schützen —er wird nie in die Lage kommen, seinen Kopf hängen zu lassen, der nicht kopfhängerisch werden mochte. Dieses Bild eines kleinen, mustergültigen Sumpfes tat mir weh, und der Text, der mir zwei Wochen später endgültig bekannt wurde, war nur eine Bestätigung: „A 11 e Immigrierten an Malaria erkrank t". Am Gitter drängten die aufgeregten Menschen: bald werde es dunkel sein. . . Als ich hinzutrat, sprach Dostrowski, der Beamte des Waad Alijah: „Seid still. Ihr seid nicht unsere Ersten. Wir wissen sehr gut, was wir zu tun haben." Um 5 Uhr begann die Amtshandlung, die etwa 150 Menschen „erledigen" sollte. Da stellte es sich zunächst heraus, daß für jeden zwei Photographien vorgeschrieben waren und daß niemand davon gewußt hatte. Die Kommission allerdings kannte ihre Parteien und hatte einen Photographen mitgebracht, der alsbald zu funktionieren begann. Bei Einbruch der Nacht zündete man erst Kerzen an, die vom hohnlachenden Nachtwind immer verlöscht wurden, und später eine Lampe, um den Beweis nicht schuldig zu bleiben, daß auch jüdische Beamte zu jenen gehören, die Herrenmenschen sind über Nachtwinde, Stimmungen und polnische Juden. Gegen einhalb 7 Uhr bringt der Ägypter für die Amtierenden Abendessen. Dostrowski sagt: „Entschuldigt uns, daß wir essen . . ."; denn er weiß,, was sich geziemt. Und der Chorus der Ergebenen, die zuletzt gegen Mittag etwas gegessen haben, wünscht guten Appetit. Da wage ich einen Zwischenwurf: weil gefragt werde, ob ..., entschuldige ich nicht; es sei jetzt keine Zeit, zu essen. Pause. Die Esser würgen noch am verleideten Bissen, aber die Furchtsamen finden das Murren. Endlich erhebt Dostrowski seine gequälte Stimme. „So werden wir essen ohne Ihre Erlaubnis . . " Und ein Sommersprossiger stößt höhnisch zwischen kauenden Lippen das beziehungsreiche Wort „Bolschewik" hervor. Ich verlasse das Zelt. Jenseits des Drahtzauns sitzen Chaluzim und singen. Unter dem Eindruck des Erlebten kommen sie mir wie Mumien vor, die einen tausendjahrealten Refrain wiederholen. Ja, ja, eure Nacht ist schön, und es ist schön, daß ihr euch daran erfreut, und es ist schön, daß ihr euch an eurer Freude freut — aber dies ist bekannt; unbekannt ist die Verzerrung des Lebens, die in euren Zelten vorkommt und die ihr gerade zu richten nicht stark seid. Unbekannt ist die Grausamkeit und Durchunddurchverfaultheit

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