Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Landung und Quarantäne
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101205-3108999--6825-3109027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
*38 Albert Maurüber: gehalten hatte, man müsse die Erde des Landes küssen und über sie den vorgeschriebenen Segenspruch sprechen; er wiederholte diese Mahnung, bis seine Augen, unter dichten weißen Brauen, vor Zärtlichkeit übergingen. Nach einer Stunde erkannte man das weißgraue Bergland, das von weißen geraden Linien durchzogen ist und an wenigen Stellen spärlichen Baumwuchs zeigt. Im Näherkommen ordneten sich die Verkürzungen, die Schatten wurden voller, plastisch trat der Karmelzug hervor. Auf dem Plateau konnte man die Wege unterscheiden — jene weißen Linien —, Überreste alter Kalköfen erkennen und nach dem helleren Grün junge Pflanzungen vermuten. Ünten am Strand tauchten die roten Dächer der deutschen Siedlung aus dunklem Grün, dahinter die kahlen Felsen des französischen Karmel, gekrönt von dem mächtigen Kloster. Ein weißer Strich quer den Berg hinauf wurde im Fernglas zur Chaussee, auf welcher Automobile fuhren. Links, in der Mitte des Hanges: das Technikum. Zugleich kamen die Realschule und die weiße Rothschildsche Mühle ins Blickfeld; scharfe Silhouetten von Häusern am oberen Rand des Berges schlössen das Bild — das Plateau war verschwunden. Nun wuchs die Stadt hervor: steinern, ilachdächig, grau; von Minaretts gehalten, baumgrün getupft; links von dem Palmenhain umarmt, der jäh vor den Sandbänken Halt macht. In einem riesigen Bogen ziehen die grell weißen Sandhügel um die Bucht nach Norden T?is Akko, Haifa gerade gegenüber: hinter ihnen liegt der Emek Jesreel. Ein Motorboot und Ruderboote sind zum Schiff gekommen und fahren zurück. Etwas später nahen sie wieder — in einem befinden sich Beamte des Waad Alijah; sie dürfen nicht aufs Schiff kommen, England verbietet es. Mein Reisegefährte, Dr. Ijef, und ich sehen den arabischen Ruderjungen zu, die miteinander balgen, einander und den Immigranten Grimassen schneiden, johlen, lachen, singen: eine „Fantasia" ihrer ungetrübten Lebenslust vorleben. Sie sind erstaunlich gelenkig; fröhlich mit dem ganzen Körper. Die mimische Frage eines Immigranten nach Zigaretten verneinen sie lachend; und einer wirft eine Zigarette herauf. Man teilt uns mit, daß wir erst morgen werden ausgebootet werden — da löst sich die Spannung, und alle werden freudig. Schnell kommt die Nacht. Die Immigranten stehen oder liegen auf der Landseite des Schiffes und schauen, erzählen, fragen. In der Stadt flammt Licht auf und verursacht große Überraschung. Die Engländer, erzählt einer, haben für sich eine elektrische Anlage errichtet. Später wird ein Eisenbahnzug entdeckt und wieder staunen die Zivilisierten, die sich vor Barbarien wähnten. Wie naiv sind wir ausgezogen! (Und wie werden wir für die Naivetät bezahlen müssen?) Auf dem Deck singen die Bulgaren. In ihrer Nähe bereite ich aus Decken -ein Lager, hole die Feldflasche, in der noch ein Rest Wein ist, und trinke mit Ijef auf unser Land, auf unseren Himmel, auf unsere Nacht. Dunkel, ganz verdunkelt sind die Augen der blassen Spaniolin. Sie sitzt unter den jungen Männern einsam und verträumt — Traum und Einsamkeit spiegeln sich in den seltsam schönen Augen ihres Kindes, das sie an der Hand hält. Voller Sterne ist der Himmel, voller Bilder und Erwartungen das Herz,