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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 2 · p. 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 2
Article
Die "Achduth"
Date
1923-01-01
Page
124 (sequence 3)
Language
German
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124 Umschau: Religiöse Bewegung Kriegszeit verbunden sein kann, versteht sich von selbst. Und noch ein drittes ist in diesem Zusammenhang zu sagen. Für die geistigen Bedürfnisse weiterer Kreise wurde nicht gesorgt, und was für die auf dem Lande und in kleinen Orten wohnenden Juden an literarischen Werten gegeben wurde, wirkte zu anspruchslos, als daß es eine ernsthafte Würdigung verlangen könnte. Seit Jahren vollends ist die „Freie Vereinigung" in ihrer Bedeutung geschwächt, da der Landesverband der Agudath Jisroel und der „Verband gesetzestreuer Synagogengemeinden" wertvolle Funktionen der „Freien Vereinigung" übernommen haben. Der Zwiespalt in der Orthodoxie war durch die Tätigkeit der Freien Vereinigung nicht beseitigt, er wurde vielmehr in Permanenz erklärt. Man harrte sehnsüchtig des Augenblickes, wo die alte jüdische Einheit wieder hergestellt werde. Dieser Augenblick schien im Jahre 1912 gekommen, als der große Sammelruf zur Gründung des „Agudath Jisroel" erging. Mit welch großen Erwartungen gingen wir nach Kattowitz! Es war ein großer Augenblick, aber er fand ein kleines Geschlecht. Der separatistische Vorstoß, der darin bestand, daß man den orthodoxen Mitgliedern der Einheitsgemeinden das passive Wahlrecht nicht gestatten wollte, wurde zwar zurückgewiesen, doch die Stimmung war verdorben, eine große Enttäuschung griff Platz und viele, die zur tatkräftigen Mitarbeit bereit waren, blieben abseits, und nicht mit Unrecht, denn das Damoklesschwert schwebte noch immer über denen, die den Austritt als Selbstzweck nicht anerkennen wollen. Sowohl auf dem Delegiertentag in Hälberstadt (1921) als auch vor den Wahlen zu der K'nessioh g'dauloh tauchte dieses Gespenst einer Klassifizierung von Juden und Juden, die in 99 Punkten einig sind, in einem taktischen aber — und um nichts anderes handelt es sich, denn die Versuche aus dieser taktischen Frage eine Weltanschauungsfrage zu machen, sind schmählich gescheitert— auseinandergehen, wieder drohend auf. Trotzdem wurde der Versuch immer wieder von neuem gewagt, den separatistischen Strömungen entgegenzutreten und sie in die gebührenden Schranken zurückzuweisen. Es ist ungerecht, der Agudah den Vorwurf zu machen, sie sei ein Instrument der Separation — die meisten Agudisten stehen nicht auf diesem Standpunkt - wohl aber muß man ihr den Vorwurf machen, daß sie die Monopolstellung der separatistischen Richtung innerhalb der Orthodoxie und die geistige Diktatur, die von ihr ausgeht, schweigend geduldet hat. Und damit komme ich zu der traurigsten Erscheinung in diesem Bruderzwist, zu den Auswirkungen des separatistischen Gedankens auf geistigem Gebiete. Zu den schöpferischen Leistungen S. R. Hirschs gehört auch die in seinen grandiosen Werken immer wieder von ihm geforderte Verbindung von Thorah und allgemeiner Bildung als sich gegenseitig fördernder und in einheitlicher Durchdringung zu pflegender Gebiete. Diese Verbrüderung von Thorah und allgemeiner Bildung führte er unablässig auf das Wort der großen Weisen zurück: „Schön ist das Studium der Thorah im Verein mit der allgemeinen Bildung". Es ist hier nicht der Ort, über dieses Prinzip an sich zu schreiben.1) Sicher ist eins, Hirsch hat für seine Zeit das Problem restlos gelöst und gezeigt, daß wir nicht, obwohl, sondern weil wir überzeugungstreue Jehudim sind, auch die gesamte moderne Bildung in uns aufnehmen. Seine Nachfahren denken darüber anders. Seit Jahren eignet der deutschen Orthodoxie eine auffallende Bildungsfeindlichkeit. Fast keine unserer Tagungen war frei von dieser bildungsfeindlichen Einstellung. Sowohl in dem so segensreich wirkenden Esra als auch im B. J. A. (Bund Jüdischer Akademiker) hat diese Strömung sich breit gemacht und sich leider auch durchgesetzt, denn daß in letzter Zeit die Kulturdebatten nicht mehr auftauchen, ist die Bestätigung dafür. Da diese Dinge sogar in der jüdischen Tagespresse behandelt wurden, ist es keine Indiskretion sie hier noch einmal zu streifen. Auf dem letzten Bundestag des B. J. A. hat diese Übertragung des Austrittsgedankens auf das geistige Gebiet zu einem Bruch innerhalb des Bundes geführt, und es waren nicht die schlechtesten unter den Mitgliedern, welche die Konsequenzen zogen und sich schweren Herzens trennten. (Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß alle die, welche diese Konsequenz nicht zogen, nun der Gegenseite recht gaben. Diese Tatsache ist festzustellen um der Klarheit willen.) Es entbehrt natürlich nicht des Reizes, den Gedankengängen dieser Bildungsfeindlichen nachzugehen, schon deshalb, weil diese Kreise ohne die moderne Bildung,die sieperhorreszieren,gar nicht imstande wären, ihre schweren Geschosse abzulassen. Was auch immer die anders Eingestellten ]) Vgl« Jeschurun, IV. Jahrg., 1—3.

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