Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Fraktionen und allgemeiner Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 64 (sequence 3)
- Language
- German
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64 Umschau: Politik werden, wenn aufs neue zionistische Wirkung gezeigt wird. Im Grunde ist es dieselbe Aufgabe, die Zionisten zur Bewährung des zionistischen Gedankens und die Nichtzionisten zur Unterwerfung unter ihn zu bringen. Auch hier besteht ein Mangel, den der allgemeine Zionismus überwinden muß. Er muß wieder lernen, durch seinen Gedankeninhalt Zionisten zu schaffen. In erster Linie wird er zeigen müssen, daß er auf die Jugend wirken und es der Jugend zu einem erstrebenswerten - Ziele machen kann, eine neue Generation des allgemeinen Zionismus zu werden. Es ist bekannt, daß weiten Teilen der Organisation der Zusammenhang mit der Jugend völlig verloren gegangen ist. Diese Wirkungen werden nur erreicht. werden können, wenn der geistige Reichtum nutzbar gemacht wird, der aus der Fülle des zionistischen Lebens gewonnen werden kann. In keinem Punkte ist die Reformbedürftigkeit des allgemeinen Zionismus klarer. Es gibt keinerlei charakteristische Anschauungen über die verschiedenen Teile des zionistischen Aufgabengebietes, und manche zionistischen Kreise wollen den Charakter — und einen Vorzug! — des allgemeinen Zionismus geradezu in dem Mangel solcher bestimmten und klaren Anschauungen sehen. Über die Absurdität eines solchen Urteils braucht nicht gesprochen zu werden. Selbstverständlich kann eine Gruppe, die eine tragende und leitende Bedeutung für die Organisation haben und behalten will, ihrer Aufgaben ohne deutliche Vorstellung vom Wege der Organisation nicht gewachsen sein. Das bedeutet keineswegs, daß der allgemeine Zionismus den Panzer eines Anschauungsprogramms anlegen und nun, gleich den Fraktionen, in ebenso gerüsteter wie eingegrenzter Unverwundbarkeit agieren soll. Aber er soll, schnell und gründlich, die verschiedenen Gebiete der zionistischen Arbeit durcharbeiten und ein Aktionsprogramm feststellen. Wenn sich aus der Erörterung der auf den verschie^ denen Gebieten (Politik, Wirtschaft, Organisation) notwendigen Aktionen allmählich gemeinsame oder verschiedene Anschauungen über Grundsätze herauskristallisieren, so wird das kein Fehler sein. Diese Anschauungen werden den Vorzug haben, daß sie nicht aus Bezirken außerhalb des Zionismus, sondern aus dem Stoff des zionistischen Lebens gebildet sind. Es mag als Schwäche empfunden werden, daß die Ziele, die man als diejenigen des allgemeinen Zionismus bezeichnen könnte, heute noch nicht angegeben und gegenüber den Programmen der Fraktionen angepriesen werden können. Aber nicht das kann die Absicht derjenigen sein, die sich für die Sache des allgemeinen Zionismus einsetzen. Sie werden verstehen, das zunächst nicht das Vorhandensein, sondern die Bildung der Anschauungen das Wesentliche ist. Es darf erwartet werden, daß dieser Prozeß zu einer Revision auch der fertig vorhandenen Meinungen führen wird, mit denen heute eine Auseinandersetzung des allgemeinen Zionismus denkbar wäre. Suchen wir, noch einmal von Anfang an, aber ohne Befangenheit in Voraussetzungen, die richtigen Wege, so wird sich zeigen, daß viele von den Gegensätzen, um die heute gekämpft wird, ohne rechten Inhalt, nur aus der Tradition der beteiligten Gruppen und Personen zu erklären und des großen Aufwandes nicht wert sind. Es wird sich andererseits vielleicht auch zeigen, daß eine veränderte Betonung der Problemgebiete zu neuartigen Gegensätzen und damit zu einer Gruppierung der Organisation führt, die klärend und vorwärtstreibend, nicht, wie bisher, verwirrend und hemmend wirkt. Wenn der allgemeine Zionismus diese einfache und anspruchslose Arbeit beginnt, kann er den ersten Schritt für die notwendige Neubelebung der Organisation tun. Moritz Bileski Für die Redaktion verantwortlieh: Dr. Ernst Simon, Frankfurt am Mai* Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julias Beltz in Langensalza