Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Fraktionen und allgemeiner Zionismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 62 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU POLITIK Fraktionen und allgemeiner Zionismus Der letzte Kongreß hat den lebhaften Eindruck hervorgerufen, daß durch die numerische Stärke der Fraktionen in der zionistischen Organisation Mängel der Gewichtsverteilung entstanden sind, die das Schiff häufig — auch bei gar nicht allzu schwieriger Wetterlage — zum Kentern zu bringen drohen, jedenfalls aber einen sicheren Kurs und einen günstigen Fortgang unmöglich machen. In der Tat ist die Belastung, der die Organisation heute durch das Fraktionswesen ausgesetzt ist, außerordentlich. Unser Verwaltungsmechanismus — dessen gutes Funktionieren in einer Zeit von besonderer Bedeutung ist, in der die Fähigkeit zu sachlichen Leistungen als entscheidende Forderung vor der Zionistischen Organisation steht — wird durch das Fraktionswesen verdorben. Das amerikanische spoil-System steht bei uns (nur in wesentlich unzweckmäßigerer Form als in Amerika) in voller Blüte: bei der Besetzung von Ämtern ist der erste Gesichtspunkt nicht die sachliche Eignung der Kandidaten, sondern die Möglichkeit, den Parteien eine Beteiligungsquote zu gewähren. Diese Tendenz läßt sich von der Exekutive und dem Kongreßpräsidium bis herab zu den lokalen Palästinaämtern beobachten. Daß unter dieser Methode die Leistungsfähigkeit unserer Behörden leiden muß, braucht nicht erst an Einzelheiten gezeigt zu werden. Nun ist diesem Beutesystem da, wo es sonst im politischen Leben angewendet wird, gar nicht in erster Linie an den sachlichen Qualifikationen und Erfolgen gelegen. Sein Sinn ist, daß die beteiligten Gruppen ihre politische Macht zur Verfügung stellen und mit diesem Fond den von ihnen besetzten Organen eine Garantie für ihre Arbeit gewähren. Es muß demnach unter den Beteiligten eine Verständigung darüber erzielt sein, daß gewisse politische Ziele gemeinsam verfolgt werden sollen. Dem Fraktionszionismus ist es Vorbehalten geblieben, die spoil-Methode auch dieses Sinnes zu berauben (und durch diese Wendung eines an sich minderwertigen Mittels in völlige Sinnlosigkeit einen Beweis dafür zu erbringen, wie weit wir es in der Erneuerung politischer Methoden gebracht haben, auf die manche von uns sich etwas zu gute tun und die allerdings eine zionistische Aufgabe sein sollte). Keine unserer Gruppen denkt daran, auf ihre Beteiligungsquote zu verzichten, auch wenn sie sich nicht! genug daran tun kann, den Personen und Behörden, um die es sich handelt, ihr Mißtrauen auszudrücken. Je entschiedener die Unvereinbarkeit der Anschauungen über die politischen Bedürfnisse festgestellt wird, je größere Schwierigkeiten dem politischen Entschluß der Organisation gemacht werden, um so energischer äußert sich das Verlangen nach Vertretung in den bekämpften Organen, nach Teilnahme bei der Durchführung der abgelehnten Aktionen. Das Ergebnis: völliges Durcheinander in allen sachlichen Fragen, rein taktische Entscheidungen, denen der Schwung und die Stoßkraft aus Notwendigkeit entstandener Überzeugungen fehlt, Überbetonung von Fragen zweiten Ranges, Vernachlässigung der wichtigen Aufgaben, peinliche Konzentrierung des Interesses auf die Personalien hat der letzte Kongreß aufs deutlichste gezeigt. Nun wäre bei alledem ein Trost, wenn die Fraktionen, von einer in ihren verkörperten Art zionistischer Erkenntnis getrieben, so handeln müßten, wie sie handeln, d. h. wenn eine ganz bestimmte Vorstellung vom Weg des Zionismus ihr Verhalten bestimmte. Aber davon kann keine Rede sein. Eine Gemeinsamkeit der Anschauungen über die aktuell-wichtigen Fragen der Zionistischen Organisation, eine durch sie be-