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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 57

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
57 (sequence 20)
Language
German
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Aufstieg ttod Abstieg weggenommen und Euch nicht einmal das Hemd auf dem Leibe gelassen hat, da tanzt Ihr und springt und seid froh. Da steckt doch etwas dahinter. Nicht wahr? — Rabbi Chanan Abba antwortete: Es ist dasselbe. Worüber ich geweint habe und mich gegrämt habe, darüber freue ich mich jetzt. — Der Hausherr sagte: Und was ist das? — Da erzählte Rabbi Chanan Abba dem Hausherrn: Auf jener Reise, als wir zum Jahrmarkt fuhren, verlor ich unterwegs mein Geld und hatte es schon aufgegeben. Bei der Rückkehr aber fand ich das Geld unversehrt, nichts fehlte davon. Da sagte ich bei mir: Siehe, alles zeitliche Glück hat sich bei mir aufgespeichert und selbst das Geld, von dem ich dachte, es sei mir für immer verloren, ich werde es nie wiederfinden, habe ich doch gefunden, das kann nur bedeuten, daß mein Glück seinen Gipfelpunkt erreicht hat, und daß unweigerlich der Abstieg kommen müsse; und darüber habe ich mich gegrämt. Und jetzt, wo das Rad meines Geschickes sich gedreht hat, und die Seile meines Glückes gerissen sind, und ich so sehr hinabgestiegen bin, daß sie mir sogar das Hemd vom Leibe genommen haben, bin ich sicher, daß meine Hilfe nahe ist, und bin in großer Freude. Der Vorsteher war verwirrt, wie einer, der nicht begreift, und mit seinen Nägeln bohrte er in seinen Zähnen, und der Arme saß zu seiner Rechten, sammelte die Krumen, die von seinem Brot abgebröckelt waren, und führte sie einzeln zum Munde. Und die Hausbewohner schwiegen und staunten vor dem Ansehen des Gastes und vor den Wundern der Begebenheit. Und als Rabbi Chanan Abba den letzten Krumen heruntergeschluckt hatte, wischte er sich gemächlich den Mund ab und sagte: Ich will dir ein Gleichnis sagen: Wem gleicht die Sache? — Dem Wagenrade. Die Seite, die nach oben steigt, steigt tiefer und tiefer hinab, die Seite, die hinabsteigt, steigt höher und höher hinauf. So auch ich: Mein Geld ging mir verloren, und trotzdem war nicht einer da, der es fand, bis ich dorthin zurückkam. Warum das? Weil mein Glück so groß war, und mein Stern mir beistand und es hütete. Deshalb weinte ich, denn ich sah, daß ich schon die höchste Stufe des Glückes erreicht hatte, und daß es unmöglich sei, höher zu steigen, und von selbst kam die Stunde des Abstiegs. Und nun, wo ich so sehr hinabgestiegen bin, daß man mir nicht einmal das Hemd auf meinem Leibe ließ, vertraue ich auf seinen Namen, er sei gelobt, daß mein Glück zu steigen beginnt. — Man erzählt, es verging keine lange Zeit, bis er wieder höher und höher stieg und zu seinem alten Ansehen zurückkehrte. Bei Gott ist die Hilfe.

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