Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
16 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108814--6676-3108842
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

x6 Arjeh Tartakower: ARJEH TARTAKOWER / ZUR GESCHICHTE DES JÜDISCHEN SOZIALISMUS1) III. Die Ausbildung der proletarischen zionistischen Parteien. In demselben Jahre, in dem die zersplitterten Gruppen der jüdischen Sozialisten im Osten Europas sich zu einer Organisation zusammenschlössen, die von großem Einfluß auf das jüdische und allgemeine sozialistische Leben in Rußland werden sollte, entstand unter den jüdischen Massen des Ostens eine ganz andere Bewegung, die viel mehr als eine bloße Zusammenfassung der Kräfte bedeutete. Der politische Zionismus wirkte auf das Leben der russischen und, polnischen Juden geradezu revolutionierend. Der Traum von einem neuen, schönen und freien Leben, dessen Verwirklichung in den ersten Jahren der zionistischen Bewegung fast stündlich erwartet wurde, löste in den Volksmassen Energien aus, die für das gesellschaftliche* und geistige Leben der Juden des Ostens von bleibender Bedeutung werden sollten. Die Bewegung riß alle mit sich. Sie kannte in den ersten Jahren weder Klassennoch Standesunterschiede. Es war eine rein nationale Bewegung, für die es nur e i n Programm gab: die Eroberung Palästinas als einer Heimstätte für das jüdische Volk. So war es denn möglich, daß sich im Rahmen einer Organisation Freidenker und Orthodoxe, Reaktionäre und Fortschrittliche, Unternehmer und Arbeiter zusammenfanden. Indessen dauerte dieser Zustand, der ein Produkt momentaner Begeisterung war, nicht lange. Er endete in demselben Augenblick, in dem es klar wurde, daß die neuentstandene Bewegung viel mehr bedeute als die einfache Formel des Strebens nach einer öffentlich-rechtlich anerkannten Heimstätte und daß sie tief in das tagtägliche Denken und Handeln des Einzelnen eindringen müsse. Die Periode der Fraktionsbildungen begann. Nach den „Demokraten" und dem Misrachi entstand die Arbeiterfraktion. Der Anteil der Arbeiter an der zionistischen Bewegung war von Anbeginn an groß. Es geschah auch sehr oft, daß sich spezielle zionistische Arbeitervereine bildeten, die sich von den anderen zionistischen Vereinen eben nur dadurch unterschieden, daß ihre Mitglieder Arbeiter waren. Die in den ersten Jahren des Zionismus unermüdlich geführte Propaganda, die -in Rußland im Gegensatz zur sozialistischen eine offene war, da die Regierung den Zionismus für eine unschädliche Träumerei hielt und ihm keinerlei Hindernisse in den Weg zu legen versuchte, tat das ihrige, um sehr viele Arbeiter für den Zionismus zu gewinnen. Bei dem stark entwickelten Klassenbewußtsein des jüdischen Arbeiters (in dieser Hin- *) Vgl. die beiden ersten Aufsätze in. Heft 9 und 10/11 des vorigen Jahrgangs.^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.