Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Juden in der deutschen Literatur
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 736 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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736 Umschau: Uteraturgeschichte Bedauerlicherweise hat der Herausgeber nicht, etwa in Form eines Schlußwortes, den Versuch einer Zusammenfassung gemacht; der den Band schließende Aufsatz von Wolfenstein „Das neue Dichtertum des Juden" erregt als geistvolle Meinungsäußerung unser Interesse, kann aber keinen Anspruch auf überprivate Geltung erheben. Und bedauerlich ist es vor allem, daß nur zeitgenössische Schriftsteller behandelt werden; nur der Tatbestand des Zeitpunktes, in dem wir gerade stehen, wird festgehalten; ein Querschnitt wird gegeben, wo man einen Längsschnitt erwartet, der die Linien der geschichtlichen Entwicklung, eine größere Wegstrecke hindurch, sichtbar machen soll. IIL Josef Nadler hat in seiner „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften" und in seiner „Berliner Romantik" eine Literaturgeschichtsschreibung unter durchgängiger Berücksichtigung der Abstammung der Autoren versucht und ist dabei, besonders im Hinblick auf die Romantik, zu ebenso lehrreichen wie überraschenden Aufschlüssen gelangt. Es fragt sich, ob eine Anwendung auf die Juden möglich ist. Damit wird zugleich die Frage nach Art und Weise des jüdischen Zusammenhangs aufgeworfen. Heben sich eigentlich „die Juden" als geschlossene Gruppe in der deutschen Literatur ab? Man wird diese Fragen verneinenmüssen, das Kräfteverhältnis der deutschen und der jüdischen Komponenten ist ein z u variables, nicht nur bei verschiedenen Autoren, sondern auch im selben Autor zu verschiedenen Zeiten. Es gibt hochgradig assimilierte Juden wie etwa Jacob Wassermann, der das seit Jahrhunderten festgewurzelte, tatsächlich eingedeutschte Judentum der kleinen fränkischen Städte vertritt; und auf der andern Seite steht die Lasker-Schüler, die hebräische Lyrik, wenn auch in deutscher Sprache, dichtet. Wenn nun die literarische Leistung der deutschen Juden keine gruppenkonstituierenden Merkmale aufweist, inwiefern kann sie dann von repräsentativem Wert sein für die Stellung „der Juden" im deutschen Kulturkreis? Vielleicht ist der Anteil der jüdischen Salons zu Beginn des 19. Jahrh.s an der Schaffung moderner Geselligkeit und an der Erziehung eines gebildeten Publikums — vielleicht ist die r e z e p t i v e Leistung deutscher Juden viel belangvoller als ihre produktive? Bestehen bleibt nur die Tatsache der regen literarischen Tätigkeit und des literarischen Interesses der Juden überhaupt, eine Tatsache, die u. a. mit dem Eindringen der Juden in die freien Berufe in Zusammenhang steht; um sie zu erklären, müßten wir die zu eng gewordenen Grenzen der Literaturgeschichte überschreiten und uns der Betrachtung auch anderer Lebensgebiete zuwenden. IV. Mit dem Fallen der Ghettoschranken begann jener Prozeß, in dem wir heute noch stehen* Aus dem Halbdunkel einer fast geschichtslosen Existenz märchenhafter Abgeschlossenheit traten wir heraus in die mittägliche Klarheit und Helle des neuzeitlichen Europas. Auch Europa erfuhr hierdurch eine Veränderung, es erlebte gleichsam eine innere Grenzerweiterung und umfaßte fortan einen gewichtigen Faktor mehr im Spiel seiner Kräfte. Der Prozeß, den wir „Assimilation" nennen, die ständig an Intensität zunehmende Beeinflussung der Juden durch ihre Wirtsvölker, vollzieht sich wechselseitig und heißt für die andern „Verjudung". Dem immer tieferen Eindringen der Juden in die fremde Kultur nachzuspüren bis zu jenem Punkte, wo die fremden Kulturwerte zur vollen Geltung gelangt sind, und dann weiter bis zur Peripetie, wo diese geltenden fremden Werte als unzulänglich erkannt werden und wo im Chaos einer allgemeinen Umwertung der Jude Stellung nimmt: entweder der Umprägung eine spezifische Nuance gibt oder, die bisher gültigen Werte als f r e m d e erkennend und verwerfend, die einst preisgegebene jüdische Wirklichkeit auf alten und neuen Wegen zurück zu gewinnen trachtet—den Ablauf diesesProzesses in allen seinen Einzelheiten zu verfolgen gilt es, wenn man die Stellung des Juden im Kreise der deutschen Kultur klären will. Dazu können uns aber nicht Essays über zeitgenössische jüdische Schriftsteller verhelfen noch auch die Betrachtung früherer literarischer Leistungen; fördern kann uns hier nur eine auf strenger Einzelforschung aufgebaute Geschichte der deutschen Juden seit der Emanzipation, eine Geschichtsschreibung, die alle Sphären des Lebens umfassen muß, in welchem doch die Literatur nur einen winzigen Ausschnitt von oft fragwürdigem repräsentativen Wert darstellt. Adolf Leschnitzer Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Ernst Simon, Frankfurt am Mam Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Julius Beltz in Langensalza