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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 735

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Juden in der deutschen Literatur
Date
1923-01-01
Page
735 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Literaturgeschichte 735 mancher noch seine besondere Einstellung zum Judentum mit. Sehr viele der Aufsätze sind nach demselben Rezept geschiieben: zuerst erfolgt eine Analyse der betreffenden Persönlichkeit bezw. ihres Werkes, darauf werden einige Züge als eigentümlich jüdisch hervorgehoben; leider sind diese Charakteristika kaum in zwei Fällen die gleichen, so daß dem Leser, der sich ein Gesamtbild machen möchte, nur der widerspruchsvolle Ausweg bleibt, die schillernde Yielfarbigkeit selber als die jüdische Nuance anzusehen» Demgegenüber muß grundsätzlich betont werden: ein Buch, das die Sinndeutung eines historischen Phänomens geben will, muß von einem Menschen geschrieben sein. Nicht darauf kommt es an, wie neunzehn Autoren über dreiundzwanzig andere Autoren in mehr oder minder lockerer Beziehung zum Hauptthema denken, — zumal wenn die Auswahl der Schreibenden und der Beschriebenen nicht in einer sinnvollen Teilung und Gliederung des Stoffes begründet,/vielmehr lediglich vom Zufall diktiert ist —, sondern darauf, wie das zur Untersuchung gestellte Problem sich darstellt, gesehen durch das in seiner Rezeptivität notwendig begrenzte Temperament eines, den Stoff soweit wie möglich beherrschenden Menschen. — Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit einem vor etwa zehn Jahren erschienenen Buch auf, das wirklich ein Sammelbuch und kein Sammelsurium war, dem „Buch vom Judentum", herausgegeben vom Bar Kochba in Prag. Hier wurde keine Enquete über ein „Problem" veranstaltet; sondern in tiefer und freudiger Besinnung auf bisher verschüttete Grundlagen ihrer Existenz sprach eine Generation ihr Lebensgefühl aus und den Willen, in dem es gipfelte. Für sich betrachtet, als Würdigungen der einzelnen Autoren, halten alle Aufsätze ein gutes Niveau; manche sind sogar ganz vor* trefflich. Es ergibt sich das reizvolle Bild, daß gute Proben sehr verschiedener literarhistorischer und -ästhetischer Darstellungsarten nebeneinander stehen: die metaphysische Deutung, die Buber dem Werke Momberts gibt, die vornehmlich psychologisch eingestellten, abgerundeten Studien von W. Mann über Schnitzler und von Julius Bab über Moritz Heimann, ferner die sprachanalytische Methode, die Willy Haas mit sehr gutem Erfolge in seinem Essay über Rudolf Borchardt anwendet; das abstrakte Verhältnis zur eigenen Sprache, ausgeprägt in Borchardts Archaismus und wirksam geworden in seinen Übersetzungen, wird glänzend charakterisiert. Leider wird in den meisten Aufsätzen die Betrachtung des sprachlichen Elements viel zu sehr von der Untersuchung des literarischen Gegenstands, der Gedanken, Stoffe, Motive in den Hintergrund gedrängt. Der weitgespannte Rahmen des Buches ließ die Möglichkeit offen, auch Persönlichkeiten wie Kerr, Harden und Weininger in den Kreis der Betrachtung zu ziehen. Sehr klar und treffend ist die soziologischhistorische Analyse des jüdischen Journalismus in Paul Meyers Aufsatz über Harden. Abgelehnt werden muß das überaus anfechtbare Verfahren von Willy Haas in der Behandlung Hofmannsthals; hier wird mittels einer wilden Konstruktion eine Art geheime und unbewußt wirkende „Jüdischkeit" als Schlüssel zu einer sonst unverständlichen. Haltung, und Leistung aufgewiesen: ,„Ganz vergessener Völker Müdigkeiten kann ich nicht abtun von meinen Lidern", heißt es in einem seiner schönsten Gedichte. In den Gedichten großer Dichter gibt es keine Phrasen, auch keine Gefühle, und vielleicht nicht einmal Träume, sondern nur Wahrheiten; man erlaube mir den etwas scharfen Ausdruck: es gibt in ihnen in einem allerdings höchst erweiterten Sinn nur historische Tatsachen, die sachlich zu kontrollieren nicht Sakrileg, sondern im Gegenteil nur Beweisschaffen ihrer dichterischen Wahrheit ist. Nun also: welcher vergessenen Völker Müdigkeiten?" (S. 145.) Man ahnt, welche Antwort auf diese Frage erteilt wird. Die Dinge so betrachten heißt denn doch, sie zu genau betrachten. Und wenn man schon so fragen will, läge dann nicht die Antwort näher, daß hier Österreichisches Schicksal vergegenständlicht wurde? Deutet es nicht auch in diese Richtung, wenn „die Wahlheimat des Menschen Hofmannsthal das venetianische Oberitalien ist", — wie Haas selbst treffend feststellt; war doch Oberitalien von je ein Angelpunkt österreichischer Geschichte, ein österreichisches Schicksalsland? Es finden sich ferner Aufsätze über Werfe!, Georg Herrmann, Kafka, Ehrenstein, Döbluv Wassermann, Buber, die Lasker-Schüler, Altenberg, Beer-Hofmann, Kornfeld, Arnold Zweig, Paul Adler, Sternheim und Max Brod_ Also eine reiche Auslese!

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