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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 715

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Der Sabbath
Date
1923-01-01
Page
715 (sequence 2)
Language
German
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Der Sabbath religiösen Erlebnisses eingetaucht. Aber er kann da nur wirksam werden, wo er vorher ganz verstandesmäßig gelehrt und begriffen wurde» So gehen jenem berühmten Vers im 19. Kapitel des 3, Buches die klaren sozialen Forderungen voran, die ihn erst möglich machen. Die Polarität im Judentum findet ihren deutlichen Ausdruck im Prophetismus. „Das Wort des Ewigen erging an . . . ." Dies die geheimrisvolle, nie erklärbare und doch ewig glaubwürdige Formel der Prophetie. Jeder Versuch, sie rationell zu deuten, scheitert. Und doch ist es richtig, wenn vom Propheten gesagt wird, er sei Sozialist: er ist es sogar auch im modernen Sinne. Sein Ruf nach Gerechtigkeit, nach dem Lebensrecht jedes Individuums ist bis heute noch nicht übertönt. Aber während im Rußland Dostojewskis die Religion den Sozialismus ausschloß und im sozialistischen Rußland Lenins für die Religion kein Raum ist, vollzog sich im Prophetismus Israels jenes Einmalige, durch das Israel erst im letzten Sinne zum Volke des Andersseins, zum „am bachur" wurde: die Synthese von Religion und Sozialismus. Man kann allerdings nicht sagen, daß es sich hierbei um eine bewußte Tat der Propheten handelte. Beide Thesen erschienen als eigentümliche Anschauungen des Judentums von Anbeginn her. In dem zweifellos uralten Worte: „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde" treten sie keimhaft auf und springen aus allen Blättern des Fünfbuchs hervor, bald als Gesetz, bald als religiöses Postulat. Sie erscheinen zum erstenmal als die überzeitliche Aufgabe des Volkes in dem anfangs zitierten Worte: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein und ein heilig Volk". Seitdem dieses Wort gesprochen wurde, gibt es ein Judentum, das Volk ist und mehr als Volk, Idee und mehr als Idee: eine geistige Bewegung. II. Da Menschen Träger dieser Bewegung sind, bedarf sie eines Ausdrucks. Ich erkenne in der Sabbathinstitution die Urform dieses Ausdrucks. Es ist hier nicht der Ort nachzuweisen, daß die Feste zu Sabbathvariationen wurden, daß die messianische Zeit der ewige Menschheitssabbath ist, daß die Reinheitsgesetze aus dem Bedürfnis des Juden wie nach seelischer, so auch nach körperlicher Erneuerung durch den Sabbath hervorgingen und daß der Rhythmus der Opfer- und Gebetszeiten seinen Ursprung hat in dem Begehren des Juden, den Rhythmus der Tageszeiten am Sabbath Gott zu weihen. Der Sabbath, die älteste religiöse Institution des Judentums überhaupt, ist die Urform des religiös-sozialen Ausdrucks im Judentum. Bedeutungsvoll steht sein Gebot im Dekalog als Übergang von den rein religiösen zu den rein sozialen Geboten, nicht in zufälliger äußerer Reihenfolge, sondern aus gewußter oder geahnter Kenntnis seiner zentralen Stellung, die ihm als erstem lebendigen Ausdruck jener Synthese zukommt. Sie erscheint in beiden Lesarten des Zehnworts, im zweiten und fünften Buch Mose, in aller Deutlichkeit, wenngleich im Exodus die religiöse, im

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