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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 705

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1923-01-01
Page
705 (sequence 2)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 705 diese ihm dann, durch die unendliche Gnade Gottes, vergeben und verziehen. Wer in der Th'schubah stirbt, dem werden seine im Leben begangenen Verfehlungen im Himmel nicht vorgehalten,x) Selbst wenn auch neunhundertneunundneunzig feindliche Anwälte (d, h. Sünden) gegen ihn vor dem himmlischen Richterstuhle Klage erheben und bloß ein einziger (d. h. eine gute Tat) sich für ihn einsetzt, wird er von der Strafe gerettet2), denn ,rwenn nur ein einziger Engel, ein Fürsprecher nur unter Tausend vorhanden ist, daß er Zeugnis von der Rechtschaffenheit des Menschen ablege, so begnadigt Gott den Sünder und spricht: „Laß ab von ihm, daß er nicht in die Grube hinabsteige. Ich habe Sühne gefunden." 3) Elieser ben Doradjah — so erzählt der Thalmud — lebte ein Leben der größten Sünden und Verfehlungen. Als er endlich das Elend seines bisherigen Lebenswandels erkannte, ward er von mächtiger Reue erfaßt und sann nun nach, wie er den Weg zur Rückkehr zu Gott und zur Erlangung seiner Gnade finden könne. Im Bewußtsein seiner schweren Sünden, wagte er nicht, unmittelbar vor Gott mit der Bitte um Gnade zu treten. So wandte er sich an' Berge und Hügel, Himmel und Erde, Sonne und Mond, Gestirne und Planeten mit der Bitte, daß sie für ihn Gnade erflehen mögen. Diese jedoch schlugen das aus und sagten: „Statt für dich wollen wir für uns selber bitten." „Nun", so rief er aus „nun liegt es nur an mir!" Er legte seinen Kopf zwischen seine Knie und weinte so lange, bis er seine Seele ausgehaucht hatte. Darauf rief eine Stimme vom Himmel: „Elieser ben Doradjah ist für das ewige Leben im Jenseits bestimmt." 4) Einen Tag vor dem Tode soll man zu Gott zurückkehren5); da aber kein Mensch seinen Sterbetag kennt, soll jeder, des Todes stets gewärtig, täglich die reuevolle Rückkehr zu Gott suchen. Auf diese Weise wird er ein reines* von Th'schubah erfülltes Leben führen.ö) Die Th'schubah muß ernst und ehrlich gemeint sein; denn wer sich vorbehält zur Sünde zurückzukehren» dessen Th'schubah gilt nicht. „Kehre zu Gott zurück", sagt der Midrasch, „solange es noch in deiner Macht liegt. Solange das Licht erstrahlt, spende ihm Öl, verlischt erst einmal das Licht, dann nutzt ihm das Öl nicht "mehr." 7) Als primäre und wichtigste Manifestation der Th'schubah gilt das reumütige Bekennen der begangenen Sünden: das „Widduj". Schon die Bibel kennt das Widduj als Mittel zur Sühnung der begangenen Sünden.8) Am *) Tr. Kidduschin 40 B. 2) Die ältere jüdische Auffassung sieht in den einzelnen Sünden und guten Taten persönliche Individualitäten, die im Himmel als klägerische oder verteidigende Anwälte erscheinen. Nach der Lehre der Kabbalah werden durch je eine gute oder böse Handlung ein guter und schützender oder böser und anklagender Engel erschaffen, die dann den betreffenden Menschen, durch dessen Taten sie geschaffen wurden, im Himmel verteidigen oder verklagen. 3) Hiob 33, 23—24. 4) Tr. Abodah Sarah 17 A. 5) Pirkei Aboth 2. 10. 6) Tr. Sabbath 153 A. 7) Jalkut Schimon, Koheleth Nr, 989. 8) Numeri 5. 7. Heft 19. 45

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