Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Kolonisationspolitik der Jewish Agency
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 674 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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674 Herman Glenn: Die Kolonisationspolitik der Jewish Agency könnten die laufenden Spendenfonds zum Zinsdienst der Anleihe herangezogen werden. Die sehr instruktiven verwaltungstechnischen Einzel vorschlage Arlosoroffs möge man im Buche selbst nachlesen; kolonisationstechnische Details werden dagegen dort fast gar nicht berührt. II. Durch lange Jahrhunderte gewöhnt, höchstens noch als bloßes Nebenobjekt weltpolitischer Entscheidungen zu gelten, haben wir die allseitig erkannte gegenwärtige Aufgabe in Palästina, weltpolitisches Subjekt zu werden, nicht richtig angefaßt. Auf dem politischen Schachbrett der Erde hat England uns zu einem Bauern in seinem Spiel erklärt. Humanitäre und zivilisatorische Ziele, an sich trügerischer Tand für heutige Mächte, sind ihm dabei öffentliches Motiv gewesen; und unverkennbar spielte sogar ein gewisser Großmut gegenüber dem „Volk der Bibel" als irgendwie echte Geste ursprünglich noch mit. Was aber darüber hinaus das reale England von uns wollte, will und wollen muß, ist: ihm an wahrhaft zentraler Stelle, zwischen Indien und Ägypten, zu helfen, sein bewundernswertes Weltspiel gegen drohende Gegner zu führen — hier unmittelbar gegen einen sehr vitalen Panarabismus, der, * heute gerade erst erwacht, sich morgen mit Hilfe größerer Mächte vielleicht in Nordafrika und Südasien erneut als vulkanische Kraft erweisen kann. Jeden Augenblick muß der jüdische Bauer dabei gewärtig sein, ohne Wimperzucken preisgegeben zu werden, wenn dies dem Mandatar von Nutzen erscheint: etwa um dafür, wenigstens zeitweise, einen bequemeren modus vivendi mit dem unruhigen Aräbertum zu gewinnen. Das arabische Gespenst ist zwar zu wirklich, als daß man uns leichten Herzens wieder ganz fallen ließe; man wird uns also eher stets nur b i s zu einem gewissen Grade preisgeben, um eben das Schreckmittel gegen den Gegner immer noch parat zu halten. Aber sollen wir uns mit einer solchen niederen Rolle begnügen? III. Ein einziger Ausweg scheint aus dieser Lage vielleicht immer noch möglich: nämlich der Übergang zur weitestgehenden Aktivität auf dem Wege über das einzige Gebiet, auf dem wir heute in Palästina als Macht auftreten könnten: auf dem Gebiet der Wirtschaft. Daß England selbst jenen Übergang ursprünglich gewünscht und eigentlich erwartet hat, ist sicher; es hat uns erst dann in wachsendem Maße preiszugeben begonnen, als eine jede Aktivierung der zionistischen Kolonisation radikal ausblieb. Die Gründe für dieses Versagen liegen heute durchaus auf der Hand. Man wollte (und will?) privater Initiative, im weitesten Sinne, das überlassen, was nur nationale Gesamtarbeit leisten kann; und man griff insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiete erneut zu bloßen National-