Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Bücheranzeige [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 661 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101199-3108581--6545-3108698- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
UMSCHAU GESCHICHTE Bücheranzeige Spärlich genug sind die Erscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Historiographie und doch angesichts der winzigen Gemeinde der jüdischen Wissenschaftler und der ungeheueren Schwierigkeiten, die ihren Weg hemmen, respektabel genug. Was in der Wissenschaft anderer Kulturvölker längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist und mühelos erreichbar erscheint, ist bei uns noch Problem. Und so sucht jeder, der sich an die wissenschaf tli che Ergründungeines jüdischen Problems heranwagt, vergeblich nach jenen Einrichtungen, die ihm die Last der Vorbereitung erleichtern könnten, nach den Akademien, Universitäten, Archiven und Museen, und muß, auf sich selbst angewiesen, allen Kleinkram in harter Kärrnerarbeit heranschaffen. Dem jüdischen Historiker steht kaum eine Zeitschrift zur Verfügung, jedenfalls reichen die vorhandenen Revuen schon aus Raummangel bei weitem nicht aus. In den letzten Jahren gab es nur eine moderne historische Fachzeitschrift, die von S. Dubnow redigierte, Jewreiskaja Starina", anfangs ausschließlich für Geschichte der Juden in Polen-Rußland bestimmt, später für jüdische Geschichte schlechthin. Auch sie hat das Schicksal ereilt. Wenn man die jetzt erst hierher gelangten Jahrgänge, die von Kriegsbeginn bis 1916 reichen (dann erschien nur noch i. J. 1918 ein Sammelband), durchblättert, so wird man sich der tragischen Entwicklung, die die wissenschaftliche Produktion auch bei uns Juden infolge des Krieges genommen hat, erst deutlich bewußt. Je weiter der Krieg fortschreitet, desto spärlicher wird das beachtenswerte Material, das bis dahin so reichlich floß, desto geringer wirddieZahl der Mitarbeiter, desto schwieriger die Zugänglichkeit vieler unentbehrlicher Hilfsmittel. So erklärt es sich, daß Memoiren, Briefe u. dergl. (häufig ohne die notwendigen Erklärungen) einen übermäßig breiten Raum einnehmen. Jetzt soll die Zeitschrift in dem wieder erwachenden Rußland zu neuem Leben erstehen. Es ist daher nichts als Erfüllung eines dringenden Bedürfnisses, wenn der Verlag „Dwir" im Verein mit dem „Jüdischen Verlag" die seit mehr denn einem Jahre angekündigte Hebräische Vierteljahrsschrift „Dwir" unter der Redaktion von Prof. Dr. E1 b o g e n , Dr. J. N. Epstein und Dr. H. Torczyner erscheinen läßt, deren erstes Heft vorliegt1). Ohne im Rahmen dieser Übersicht auf die Einzelheiten der Aufsätze eingehen zu können, soll hier festgestellt werden, daß die Erwartungen, die man an diese Zeitschrift geknüpft hat, von der Erfüllung noch recht weit entfernt sind. Nach dem „Briefe an die Herausgeber" von B i a 1 i k , der die in fremden Sprachen geschriebene „Wissenschaft des Judentums" einer beinahe vernichtenden Kritik unterzieht und von der Verbindung der hebräischeu Sprache mit „dem Quell lebendiger Schöpfung der ganzen Nation" einen neuen Geist auch in der Wissenschaft erhofft, hätte man füglich annehmen dürfen, daß uns mehr und anderes geboten würde als das, was die bestehenden Revuen mit ihrer meist mageren Kost gewähren. Man braucht die Schwierigkeiten nicht zu unterschätzen, die die Gewinnung geeigneter Mitarbeiter bereitet, um doch sagen zu können, daß es nicht lohnen würde, eine neue Revue zu schaffen, wenn sie nicht die aus Bialiks erwähntem Briefe quellenden Hoffnungen einigermaßen zu erfüllen imstande ist. Gleichwohl darf man die sicherlich bedeutungsvolle Tatsache, daß wir es mit der ersten wissenschaftlichen, großangelegtenRevue der Gegenwart in hebräischer Sprache zu tun haben, ebenso wie die opfervollen Bemühungen der Herausgeber nicht unterschätzen, die eine Fülle von Arbeiten auf historischem, archäologischen, chronologischem, grammatischem, literargeschichtlichem Gebiete von anerkannten Autoren in dem überaus vornehm ausgestatteten Bande vereinigt haben. Wir erwähnen als uns besonders wichtig erscheinend die Abhandlungen von M a h 1 e r über den Auszug aus Ägypten, David J e 11 i n über den Hiphael im Hebräischen und Aramäischen, S. K r a u ß über körperliche Züchtigungen, Ch. Tykoczinski über Bostanai (als *) Dwir (Das Allerheiligste, der Tempel), Sammelzeitschrift f. jüd. Wissensch., ersch. vierteljährl. I. H. Nissan-Sivan 5683, Berlin.