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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 656

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Im Chaos
Date
1923-01-01
Page
656 (sequence 2)
Language
German
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6& Bemerkungen: Im Chaos geistige Wirklichkeit dessen vor Augen, was uns heute not tut, Abraham, der mit Gott in herrlicher Sophistik um das Los der untergangsreifen Städte Sodom und Gomorrha ringt/ ist der Vater unseres Volkes geworden. Lot aber, der sich aus der allgemeinen Verheerung retten läßt, unbekümmert um die Fremden, durfte uns bisher selber als ein Fremder gelten. In seiner Höhle trifft ihn die Strafe seiner Entwurzelung: schlimm* ste Einsamkeit und trübste Inzucht, die Unzucht ist. Besser wäre es, sich umzuschauen und zu erstarren, als so zu leben. Aber wir erstarren nicht. Im Gegenteil: die Erbauer des neuen Israel, Chaluzim des Leibes und der Seele, scheinen uns fast die einzigen zu sein, die dieser chaotischen Zeit einen Blick der Hoffnung gönnen. Alles zerstört sich, sie bauen auf; alles flieht, sie kehren heim. Wundersame, täglich neue Erfahrung, wie sich das alte Volk erhebt undseine fernsten Söhne von der wieder gewonnenen Kraft etwas spüren läßt. Noch stehen zwar viele fern, ja: ganze Massen entfernen sich erst heut, gerade in diesem Augenblick, doch aber sammelt sich der Rest ein und wagt einen neuen Versuch. Aber dieser Versuch, der nicht der letzte sein muß, kann nur dann glücken, wenn Juden ihn aus der Kraft ihres religiösen Volkstums heraus unternehmen. Menschen; die im luftleeren Raum zionistischer Ideologie oder in der dumpfen Höhlenluft der Abstinenz erzogen sind, werden in Erez Israel ebensowenig mit den Arabern leben können, wie sie es hier mit den Deutschen konnten. Niemals entgehen wir dem Galuth, das am Anfang unserer Geschichte, vor dem Lande noch, stand auch nicht im Lande. Und eine unwirkliche und daher sündige Einstellung, die es leugnen möchte, wird seine Nacht nur verdunkeln. Schon sehen wir die Spuren dieser Erziehung in Erez Israel. Sie könnten uns lehren, daß die bauende Kraft nicht neben dem Chaos wächst, in das wir hier hinein gestellt sind und das ja auch das Schicksal Palästinas schon berührt hat und noch mehr berühren wird, sondern aus seiner Überwindung, die tapfer einen Weg hindurch führt. Sind wir Sabbatianer, die kurzatmig einem Ziel zuspringen, so mögen wir vorbeisehen an dem, was um uns her vorgeht; wahre Zionisten aber sollen in der Ewigkeit des Judentums die Kraft finden, in jedem zeitlichen Augenblick und an jedem irdischen Ort ihrer Menschenpflicht ins Auge zu sehen — hier und im Lande. Als wir neulich wieder einmal einen der Freunde auf dem Wege nach Erez Israel grüßten, als wir diesmal noch Zurückbleibenden mit unseren armseligen Schritten dem enteilenden Zuge ein wenig nachliefen, da rief der glückstrahlende Junge immer wieder aus seinem Fenster: Chaj, Israel, chaj! Israel lebt. Möge es in keiner Höhle leben, auch in der zu Machpelah nicht, sondern in den Zelten Jakobs, unseres Vaters, der zwar im fremden Lande starb, aber noch sehen durfte, wie Joseph, sein Sohn, den hungernden Ägyptern das Brot reichte. Ernst Simon Nachbemerkung des Verfassers: Es ist nicht leicht, die obenstehenden Worte, die in Tagen tiefster deutscher Not geschrieben sind, heute, nur kurze Zeit später zwar drucken zu lassen, da sich ein Teil des deutschen Volkes mit verwaltungsr technischer oder blutiger Gewalt gegen Juden wendet. Wenn, dies trotzdem geschieht, so aus folgenden drei Gründen: Erstens weigern wir uns zu glauben, daß durch die tief beklagenswerten Ereignisse in Bayern und Berlin der Kriegszustand zwischen dem ganzen deutschen Volk und dem jüdischen Volk eingetreten sei, wie das von offizieller zionistischer Seite mit gefährlicher Voreiligkeit in die Welt geschrieen wurde: wir wissen ■ vielmehr, daß die Blutbefleckten nicht das wahre Deutschland vertreten. — Zweitens meinen wir, daß die hier geforderte Einstellung unabhängig sein muß von dem Verhalten der anderen; nicht im Sinne christlicher Feindesliebe, aber im Sinne jener zentralen Fähigkeit, aus einer — selbst feindlichen! — Masse den Hilfsbedürftigen und also liebenswerten Einzelnen herauszuerkennen. — Und drittens sind wir der in dem Aufsätzchen selbst begründeten Ansicht, daß die Kraft zum M i 11 e b e n auch für unser Eigenleben im Lande Israel von entscheidender Bedeutung ist.

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