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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 655

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Im Chaos
Date
1923-01-01
Page
655 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN IM CHAOS Wir deutschen Zionisten sind in diesen Tagen Zeugen einer welthistorischen Tragödie: das Volk, in dessen Mitte wir leben, kämpft nach außen und innen einen Kampf, der sein letzter werden kann. Die vollendete Sinnlosigkeit alles dessen, was an Einzelnem geschieht, verwehrt jede Einsicht in den letzten Sinn, den das G a n z e etwa haben mag. Stirbt hier ein Volk, dessen Glieder sich im Todeskrampf gegenseitig zerfleischen? Oder zerbricht hier nur ein Staat, dessen Enge für all die Lebensfülle, die er zu umspannen hatte, längst unerträglich geworden war, und auch nach dem Namenswechsel vom November 1918 unerträglich blieb? Bedeuten die Erschütterungen der vergangenen und kommenden Tage Geburtswehen oder Agonie, Leben oder Tod? Wir haben dieser Schicksalsfrage gegenüber nur ein Schweigen, bestenfalls Ahnungen. Wir wissen nichts. Aber eins wissen wir: daß Entscheidendes um uns herum vorgeht. Daß die Zeitung früh, mittags und abends neu nach Blut riecht, daß die müde Qual der Hungernden, die erbitterte Verzweiflung der Arbeitslosen, die schlaue Hilflosigkeit der reichen Verderber und diebemühte Impotenz der Regierenden aus ihren feuchten Druckseiten brüllt, grinst und grausig lächelt. Wir müssen mit ansehen, wie der furchtbare Apparat der sozialen Fürsorge die Not des Mitmenschen in seinen Rädern zerstückelt, unfähig sie zu heilen, und wie die Leidenden selbst, jeder gegenseitigen Hilfe längst entwöhnt, planlos in dem immer enger sich zwängenden Ring von Streik und Aussperrung, von Gewalttat und Niederdrückung hin und her rasen — *ie Tiere im Käfig. Wissen wir dies wirklich? Fühlen wir dies in unserem Herzen, dem jüdischen Herzen? Und was sollen wir nun tun, ja: was geht es uns an? Haben wir nicht größere, eigenere Sorgen gerade in diesem Augenblick, droht nicht der Rechtsform unserer „Heimstätte", und nicht nur ihr allein, täglich neue, immer größere Gefahr? Scheint sich nicht der arabische Orient täglich einmütiger gegen die „englisch-zionistische Vergewaltigung14 zu erheben? Da bleibt uns wohl keine Kraft, kaum ein Recht zurück, uns mit dem „deutschen Problem" zu befassen. Höchstens dem Antisemitismus, der auch uns nun endlich unabweisbar nah auf den Leib und die Seele gerückt ist, sei Beachtung zu schenken und Abwehr zu rüsten. Sonst aber — so sagt man wohl zuweilen — empfehle sich „Abstinenz" und „Desinteressement". Gegenüber dieser Einstellung, die als Gefahr oder Wirklichkeit jeden von uns immer wieder bedroht, gilt es in dieser Stunde leidenschaftlichen Protest. Wenn es mit dem Volke, das zuerst gebot, nicht am Blut des Nächsten vorüberzugehen, einst so weit kommen mag-, dann ist es reif zum Untergang und der Neubelebung unwert geworden. Das Schicksal, das heute in Deutschland erlitten wird, darf dem Zionisten, dem Juden nicht durch Wegsehen lösbar erscheinen. Vor deinen Fenstern stöhnt die Pein eines Volkes -i— und du willst dich damit loskaufen, daß du sagst, es sei nicht das deine? Dann wäre Zionismus wahrhaft der, als den seine klügsten und ehrlichsten Gegner ihn immer bekämpften: tiefster Verrat am Judentum. Dann hätte er wahrlich den Anschluß an die Menschheit verloren. Es geht hier nicht um Politik. In ihrem Bezirk sind wir zur Untätigkeit verdammt, nicht nur als Zionisten, sondern auch infolge jenes unheilvollen Wirrsals, das die Hilfsbedürftigsten mitunter zu den allersinnlosesten Schritten treibt. Sondern es geht um Menschlichkeit. Wir können nicht Führende sein: so seien wir Brüder. Wir können nicht Deutsche sein, wollen es nicht: so seien wir Menschen. Nur dann sind wir Juden. Unsere ewige Thorah, die jedem Geschlecht neue, stellt uns gerade in diesen Tagen die

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