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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 10-11 · p. 619

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 10-11
Article
Das soziale Ideal bei Platon und den Propheten
Date
1923-01-01
Page
619 (sequence 2)
Language
German
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Das soziale Ideal bei Piaton und den Propheten 619 ohne Zusammenhang. Dieser Umriß ist aber nur eine Abstraktion; die geschichtliche Wirklichkeit erfüllt diese Abstraktion mit der Lebendigkeit der Gegensätze, deren gegenseitige Durchdringung die Mannigfaltigkeit der Kultur hervorbringt. In dieser Mischung der geschichtlichen Grundmotive tritt zugleich unvermeidlich Abklärung und Abminderung der Gegensätze ein, und deren Eigentümliches wird schwankend und verworren. Es ist daher ein zweckmäßiges Thema, diese beiden Grundmotive in ihren Eigentümlichkeiten zu erforschen. Den Schwerpunkt des Platonischen Geistes erkennen wir am Problem der wissenschaftlichen Erkenntnis. Er war nicht der erste Grieche, der dieses Problem erfaßte; er war auch nicht der erste, der mit dem Problem der Wissenschaft das der Ethik verknüpfte. In der Verbindung beider Richtungen ist er der Fortbildner des Pythagoras, nur in der Verbindung, nicht aber in deren Vereinigung, während er in der Erkenntnisrichtung hauptsächlich auf Parmenides und D e m o k r i t zurückgeht, und in der Ethik auf Sokrates. Aber trotzdem in der Verbindung beider Richtungen Pythagoras sein Vorgänger ist, wird dadurch seine Originalität nicht abgeschwächt. Man darf vielleicht sagen, wie die Griechen überhaupt zwar Mathematik und Astronomie vom Orient erlernen, dennoch aber ihrerseits erst die erworbenen Kenntnisse in Wissenschaft umschmieden, ähnlich stehe auch Piaton seinen Vorläufern gegenüber: deren gesamte Philosophie wird ihm wie zu einer Sammlung von Kenntnissen. Er aber erst macht aus Kenntnissen die Erkenntnis. Diesen Doppelsinn hat seine Grundfrage: Was ist imoT^/iT]? Die Frage bedeutet: Welches Verhältnis besteht zwischen Wissenschaft und Erkenntnis? Zur Bestimmung dieses Verhältnisses wird er der Urheber der Ideenlehre. Denn die Idee entspringt zwar ebenso natürlich und urwüchsig aus der Quelle des Sittlichen, wie aus der der Wissenschaft. Aber die begriffliche Ausgestaltung der Ahnung und des Entwurfs der Idee vollzieht sich allein am Problem der Wissenschaft. Im Ahnen und Schauen steht Piaton auf dem Urboden des Pythagoreismus, den er mit der Begriffswelt der Eleaten und des Sokrates durchpflügt. Aber ihm wird der Zusammenhang zwischen Ahnungsschau und Begriffsarbeit zum eigenen Problem. Der Geist soll für ihn nicht zwei abgetrennte Quellgebiete haben: die Idee soll ebensosehr die Jagd des Begriffs, wie die Schau der Ahnung sein. Die Schau wird dadurch unentrinnbar der Ahnung entrückt und auf die Seite des Begriffs hinübergezogen. Die Idee ist daher nicht nur der Begriff des Sokrates, geschweige des Demokrit, sondern der Begriff wird selbst zu einem Fragezeichen, zum Problem seiner selbst. Die Ahnung, die Schau behalten den Charakter des Mystischen: woher stammen sie und worauf gründen sie sich? Ebenso bleibt auch der Begriff geheimnisvoll und rätselhaft: auf welcher Rechtsbefugnis, auf welchem Wahrheitsgrunde beruht er? So fragt Piaton, und mit dieser Frage, aus welcher die Schöpfung der Idee entspringt, überwindet er alle bisherige historische Naivität, von Pythagoras bis Sokrates.

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