Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 591 (sequence 1)
- Language
- German
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Arjeh Tartakower: Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 591 ARJEH TARTAKOWER / ZUR GESCHICHTE DES JÜDISCHEN SOZIALISMUS1) IL Die Entstehung und die ersten Jahre des „Bund" Die Eigenart des jüdischen Wirtschaftslebens hat es mit sich gebracht, daß eine organisierte sozialistische Bewegung in der jüdischen Gasse so spät zur Entwicklung gelangt ist. Es ist daher auch ganz unmöglich, die Entstehung des jüdischen Sozialismus einzig und allein, oder auch nur in der Hauptsache, auf die wirtschaftliche Entwicklung zurückzuführen. In gewissem Sinne kann man sogar behaupten, daß der jüdische Sozialismus nicht wegen, sondern trotz der jüdischen Wirtschaftsverhältnisse entstanden ist. Das einzige treibende Moment in der jüdischen Gasse war die Not, allerdings die sehr oft entsetzliche Not der arbeitenden Massen. Viel zu lange Arbeitszeit, viel zu geringer Verdienst, das Fehlen eines noch so niedrigen Existenzminimums, zunehmende* physische Degeneration, das alles war zwar geeignet, eine bittere, haßerfüllte Stimmung in der Masse zu erzeugen; doch zeigt ja die Geschichte immer wieder, daß derartige Wallungen noch keine organisierte sozialistische Bewegung hervorzurufen vermögen. Alles das aber, was — zunächst in den Ländern Westeuropas, dann immer weiter nach Osten und Westen fortschreitend — in allen Kulturländern dem Sozialismus als einer Wirtschaftsidee Bahn schuf, fehlte fast gänzlich in der jüdischen Gasse, als man dort die Idee des organisierten Klassenkampfes zu predigen begann. Es fehlte die gewaltige Konzentration von tausenden Arbeitern in den einzelnen Betrieben, wie auch die gewaltige Konzentration des Kapitals überhaupt, es fehlte der krasse Gegensatz zwischen Luxus und Elend, es fehlte auch die gewaltige gesellschaftliche Kluft zwischen den Ausbeutenden und den Ausgebeuteten. Somit trägt der jüdische Sozialismus von Anfang an das Gepräge einer künstlichen Schöpfung, was freilich die weitere starke und kräftige Entwicklung der Bewegung nach einer energischen und zielbewußten Propaganda nicht verhindert hat. Es mußten jedoch neben der wirtschaftlichen Entwicklung noch andere treibende Momente vorhanden sein, die in der Richtung einer Radikalisierung der Massen im sozialistischen Sinne wirken. Wir werden auf sie in der Folge noch zurückkommen. Vergegenwärtigen wir uns, um die eben aufgestellte Behauptung zu beweisen, die wirtschaftliche Lage und die Produktionsverhältnisse in den europäischen Ländern der jüdischen Massenarbeit, in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es kommen hierfür in der Hauptsache »m Osten die 25 Gouvernements der russischen Tscherta (jüdisches Ansied-, 1) Vgl. den ersten Aufsatz dieser Reihe in Heft 9.