Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Jüdische Archäologie und jüdische Kunstwissenschaft
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 550 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101198-3108484--6410-3108553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
550 Erich Toeplitz: Jüdische Archäologie und jüdische Kunstwissenschaft Zur jüdischen Archäologie gehören alle Denkmäler jüdischen Lebens in Palästina und in den antiken Judensiedelungen der Diaspora. Hier kann allein der Spaten das Material heben und es müssen noch viele Grabungen erfolgen, bis wir ein einigermaßen zureichendes Bild vom jüdischen Altertum bekommen werden. Aber auch dann wäre nur eine Materialbeschaffung zustande gekommen, die erst durch systematische Bearbeitung nutzbar würde. Die Beschreibung der Denkmäler allein ist der Anfang, an den sich dann die Gruppierung nach Material, Technik, Ort, Zeit und Stil angliedern muß. Durch ständigen Vergleich mit Kunstwerken anderer Nationen wird dann das Trennende, Besondere neben dem Vereinenden, Allgemeinen herausgefunden werden. Sind auch schon eine Reihe z. T. recht guter Ausgrabungsberichte erschienen, so fehlt es an exakten Arbeiten, die über das Beschreibende hinausgehen. Das Beste, was wir bisher besitzen, bleibt im enzyklopädischen Aneinanderreihen stecken, bleibt gleichgültiger Wissensstoff. Entschuldbar ist dabei nur der fast völlige Mangel an Arbeiten, die das Hin- und Herwogen der Kulturkreise und ihrer Ausstrahlungen auf die jüdische Kultur genügend scharf herausheben. Gerade die Frage, welche Stellung diese Kultur im allgemeinen Kulturwandel einnahm, muß wohl fürs erste ungeklärt bleiben. Ungleich komplizierter liegt die Sachlage bei der jüdischen Kunstgeschichte: hier gilt es vorerst in große Hauptgruppen, in Sefardim und Aschkenasim, in Europa und Afrika und in die Sondergruppen in Asien zu scheiden. Ist bei den Denkmälern der Archäologie eine kontinuierliche, örtlich gebundene Entwicklung möglich, so sind die Denkmäler der Kunstgeschichte rechte Kinder des Galuth, unstet, sprunghaft, meist vielfach beeinflußt, konservativ und bizarr. Läßt sich die jüdische Archäologie in Palästina und in den wenigen Städten antiker Diasporagemeinden studieren, so gilt für die jüdische Kunstgeschichte das gleiche, fast vernichtende Wort, wie für die jüdische Historie der Diaspora, daß nur eine Organisation hier zu sammeln, zu beschreiben und zu sichten imstande ist. So ungünstig die Zeit sein mag, so nötig scheint es gerade jetzt, wo eine Umgruppierung in der jüdischen Welt stattfindet, das Material zu sammeln, ehe es zu spät ist.