Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Kritische Übersicht über die neuere Literatur [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 486 (sequence 2)
- Language
- German
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486 Umschau: Bibelwissenschaft punkt des Werkes ebenso charakteristisch wie für den Leser von Nutzen. Nirgends sonst kann er sich so rasch und anschaulich vergewissern, welcher Quelle ein Absatz oder Vers von der kuranten Wissenschaft zugeschrieben wird. Nichts ist freilich auch geeigneter, ihn über diese Kritik stutzig zu machen, wenn er sieht, wie mannigfach und raffiniert eine Erzählung zusammengesetzt sein soll, die er sonst in einem Zuge gelesen hätte. So begleiten ihn z. B. S. 95 ff. (die ersten vier der zehn Plagen Ägyptens) folgende Zeichen: PS—J — (-fE?) — EJ — J - J + E — (J) - PS - E (+ J) -(J)-PS,-E-J-(R*)-pg_ J- JES J — PS — Pß— J —Rje J — JES J — Die Geschichte vom Manna (Ex. 16) sieht folgendermaßen aus: PS — JE — D? Ps? — ps — pg — je — pg — ps — je — PG — j G — Psl — Ps2 — PS — JE — PS — Ps — PS — EJ+PS — JER PS, oder gar die wenigen Verse 4 M . c . 20 1—13: PS — JE — PS — JE — PS — JE — PS — JE — PS — JE — PS — JE — PSR — PS — R. Den Genuß einer ungestörten Lektüre kann dies jedenfalls nicht erhöhen, wenn er nicht durch die Ehrfurcht vor einer Wissenschaft ersetzt wird, die uns durch solche Labyrinthe zu führen weiß, die verborgensten Fugen ausgespäht hat und das Gras wachsen hört. Die Einführungen und Anmerkungen geben nur einen schwachen Begriff von den Mitteln und Wegen dieser Scheidekunst. — Innerhalb der Übersetzung selbst werden die verschiedenen Arten kritischer Beanstandung wie Textverderbnisse, Glossen, Lücken durch besondere Zeichen und Druckarten bemerklich gemacht, was das Textbild, namentlich in den schwierigeren Büchern z. B. Jesaja und den kleinen Propheten noch weiter verwirrt, wenn es auch ein Gebot der Gewissenhaftigkeit sein mochte. Wir hätten sogar gewünscht, daß unverständliche Stellen noch öfter unübersetzt geblieben wären. Die Sprache der Übersetzung hält bei aller Verschiedenheit der Übersetzer im allgemeinen, was versprochen worden ist, und wenn sich der Leser durch die vielen Umstände nicht stören läßt, so liest er hier wirklich das Alte Testament in moderner deutscher Sprache. Daß ihm damit das Innerste noch immer nicht erschlossen ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. — Wissenschaftlich am bedeutsamsten sind die Einführungen und Anmerkungen. Sie geben den Extrakt der gelehrten Kommentare ohne Nennung der Autoren und das wissenschaftliche Raisonnement. Aber darin liegt auch ihre Gefahr. Da eine ausreichende Begründung und Widerlegung von Gegenargumenten in dieser Kürze nicht gegeben werden konnte, so erwecken sie. trotz aller Verwahrungen und Einschränkungen leicht den Anschein stärkerer Sicherheit, als sie in Wirklichkeit besitzen. Wer den Grundtext kennt und der Kritik selbständig gegenübersteht, wird auf Schritt und Tritt Einwendungen zu machen haben. So lebhaft die Versuchung dazu ist, müssen wir an dieser Stelle doch davon Abstand nehmen, weil wir schon bei den ersten Kapiteln kein Ende fänden. Der Bestimmung des Werkes entsprechend hätten wir auch gewünscht, daß der religiös-erbauliche Gehalt stärker als das philologisch-wissenschaftliche Moment zur Geltung gekommen wäre. Immerhin sei anerkannt, daß der hochmütig-überlegene und geringschätzige Ton, den man in den Kommentaren oft hört, zwar nicht gänzlich verstummt ist, aber doch seltener erklingt. Wir können es nur dankbar begrüßen, wenn der Herausgeber die Vorrede mit den Worten schließt (die allerdings nicht grade das Muster eines guten Deutsch^ sind): „Letzten Endes möchte die neue Übersetzung dazu beitragen, dem Alten Testament neue Freunde zu erwerben. Bei allen Angriffen, denen es gerade in letzter Zeit ausgesetzt gewesen ist, kann es nicht ausbleiben, daß es seine Stellung siegreich behaupten wird; denn wie kaum ein zweites Buch verkündet es, was keiner mehr als der unsern Not tut: Glauben an Zukunft!" — Sehr wertvoll ist auch das ausführliche Register von Holzinger, um das die vierte Auflage vermehrt ist Dem Juden freilich kann auch diese Übersetzung nicht genügen. Er darf nicht nur niemals vergessen, daß sie bei aller angestrebten Objektivität von Christen für Christen gemacht ist und der jüdischen Seele fremd bleibt. Ihm können und dürfen Übersetzungen niemals den Urtext ersetzen. Sie bleiben ihm immer nur Behelfe, Verdolmetschungen, bei denen Genauigkeit und Treue wichtiger als Schönheit und selbst Sprachrichtigkeit sind. Es war z. B. eine völlige Verkennung dieses jüdischen Bedürfnisses, wenn man allen Ernstes behauptete, Zunz habe die Bibel in „Judendeutsch" übersetzen wollen (s. Nestle in Herzogs Protestantischer Realenzyklopädie). Wer Zunzens Schriften kennt, weiß, daß er eine klassische Prosa schreiben konnte, die mit den besten