Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Großgemeinde
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 471 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau: Gemeindeleben 47i läge, die ihrer Entwicklung in wirtschaftlicher und geistiger Hinsicht entgegenstehenden Fesseln zu sprengen, sich aus der Abgeschlossenheit und Ausnahmslage der Juden, auch um den Preis des Bruchs mit der Vergangenheit, zu befreien. Dieses Ziel wurde ihr noch durch den Umstand erleichtert, daß ihre geistigen Bedürfnisse im Judentum keine Befriedigung fanden, weil die nationale Schöpferkraft des westeuropäischen Judentums völlig stagnierte, und ihre spärlichen Reste, zur Formel erstarrt, der Seele der neuen Generation nichts mehr zu bieten hatten. Die jüdische Eigenweit war nicht mehr vorhanden oder übte zum mindesten keine Anziehungskraft mehr aus, so daß der Wunsch nach einer würdigen Stellung in der Welt den rationalistisch gerichteten Köpfen jener Juden gleichbedeutend mit dem Emanzipations- und Assimilations-Ideal wurde. So verständlich auch die Opposition gegen ein als überlebt und leer empfundenes Judentum erscheint, das, ohne Wurzeln im Leben, kein schöpferisches Ideal hervorzubringen vermochte, so mußte es doch bald den führenden Geistern, in denen der jüdische Lebenswille noch pulsierte, klar werden, daß die fortschreitende Entwicklung auf der bisherigen Bahn zu einer völligen Zersetzung führen würde. Das wichtigste Mittel, diese Auflösung zu hemmen, war die Reform- Beweguhg. Man reformierte mit dem vorgeblichen Ziel der Entwicklung des Judentums, um von ihm zu retten, was noch zu retten schien. Die völlige Beseitigung des Thalmuds genügte nicht; man ging weiter und forderte die Aufhebung der Wertung der biblischen Bücher als religiöser Bücher, den Ersatz des Hebräischen als nationaler Sprache, die nichts mit dem Gottesdienst zu tun habe, durch die Landessprache, desSabbaths, andern Niemand mehr in die Synagoge gehe, durch den Sonntag und die Entkleidung des Gottesdienstes von jedem volkhaft jüdischen Gehalt, so daß der Kulturvereinler Moser einmal toit Recht bemerken konnte: „In den ausgestopften Rabbinern in zoologischen Museen würde man mehr Judentum finden als in den lebendigen Tempeldienern". Die Reform hat positiv lebenserhaltend wirken wollen, aber durch die Abstraktion von jedem nationalen Gehalt, durch die Anerkennung des Galuth als ewJg bleibender Erscheinung schnitt sie sich selbst von den Quellen des Judentums ab und wurde zum Durchgangsstadium für die völ- "ge Loslösung vom Judentuni. Das jüdische Wesen ward zur Ideologie ohne adäquate soziale und nationale Unterlage, die „Reformation" zum stärksten Antrieb der Assimilation. Der 1842 in Frankfurt a. M. gegründete Verein der Reformfreunde durfte verkünden; „Wir erkennen in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortentwicklung. Die gewöhnlich mit dem Namen Thalmud bezeichnete Sammlung von kontroversen Abhandlungen und Vorschriften hat für uns weder in dogmatischer noch in praktischer Hinsicht irgendeine Autorität, Ein Messias, der die Israeliten nach dem Lande Palästina zurückführt, wird von uns weder erwartet, noch gewünscht. Wir kennen kein Vaterland als dasjenige, dem wir durch Geburt oder bürgerliche Verhältnisse angehören." Wie das erste Mittel zur Neubelebung des Judentums, die Reform, so versagte auch das zweite Mittel, das versucht wurde: die Wissenschaft des Judentums; auch sie wurde nicht zum Bollwerk gegen die Assimilation. Die Kenntnis vom Judentum verminderte sich zusehends, nicht nur in den breiten Schichten, sondern auch bei seinen berufenen Vertretern. Das Judentum ward, wenn nicht gerade zur Kirchen- und Dogmen-Religion gestempelt, so doch als eine ethische Gemeinschaft auf monotheistischer Grundlage hingestellt. Der Rabbiner, der lebendige Träger der Lehre, wurde zum Geistlichen. So bedeutungsvoll an sich die Forschungsergebnisse der Wissenschaft des Judentums gewesen sind, in ihrer praktischen Auswirkung für die Entwicklung des Judentums blieben sie armselig. Unter Beiseitestellung der wissenschaftlichen Resultate zehrte man von den paar Vokabeln des apologetischen Wortschatzes. Und noch ein dritter Weg wurde versucht, um den Bestand des Judentums zu sichern: die Sammlung derKräfte durch Organisation. Hier bot sich den Gemeinden eine neue Aufgabe. Als die Ghettomauern fielen und den hinter ihnen zusammengepferchten Juden weit die Tore sich öffneten, war das Schicksal der alten Judengemeinden besiegelt und ihr Verfall unaufhaltsam. In raschem Tempo vollzog sich der Auflösungsprozeß unter dem Einfluß einer neuen, von revolutionären Wandlungen erfüllten Zeit, die unter den Trümmern der alten Kehilla auch deren nationale Eigenart begrub. Die alte Organisation war überlebt und vielfach überflussig