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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 440

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Zwischen zwei Sprachen
Date
1923-01-01
Page
440 (sequence 2)
Language
German
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440 Rachel Kaznelson: Vor io bis 15 Jahren begann unsere Generation aus freier Wahl jiddisch zu sprechen, so wie wir uns heute Hebräisch erwählten. Wir waren eine kleine Schar, die gar nicht anders konnte, als jiddisch zu sprechen. Diese Sprache wurde uns im Galuth zur Heimat. Jedes Wort, das wir in ihr redeten, war uns Erinnerung und Bürgschaft dafür, daß wir eine Heimat haben: nämlich die Straße und die Arbeitenden. Das Mysterium des Judentums lebte uns nur in den kleinen und armen Häusern. Seltsam war uns der Gedanke, daß auch die, die im Reichtum leben, Juden sind. Es schien uns, daß nur in den Kindern der armen Gasse, nur in ihren Gesichtern, das Geheimnis und die Schönheit des Stammes ruhe. An Frühlingsabenden gingen wir, wie man hinausgeht, dem Rauschen des Waldes zu lauschen, um dem lebendigen' Rauschen der Arbeitenden zu lauschen, das voll Erregung war nach dem Tage: denn hier war das Leben. Das erste jiddische Wort, das wir lasen, oder das uns vorgelesen wurde, entdeckte uns diese Welt, und der, der in ihm lebte, entdeckte sich selbst. Wir fanden auch unsere Schriftsteller — Morris Rosenfeld, Perez; und aus unserer eigenen Generation: Anochi und Rachel Feigenberg. Die Einfachheit Reisins verstanden wir erst nachher, und später als alle anderen erschloß sich uns das Wichtigste: das Rätsel Scholem Alechems. Mit Dank begrüßten wir jedes Wort, das auf Jiddisch geschrieben oder gesprochen wurde, und in dem ein Funke von Gefühl, Jugend und Kunst war. Es war uns wie ein Gruß aus unserem Lande. Uns „fehlten nicht Worte", trotzdem das literarische Jiddisch uns neu war und arm erschien. Es war vielleicht die einzige Periode unseres Lebens, in der Wahrheit in unseren Worten war. Die Sprache war arm, viele von uns beherrschten außer ihr noch eine oder zwei reiche.Sprachen; aber für unser ganzes inneres Leben fanden wir in ihr den Ausdruck, ohne nach ihm zu suchen. Dies einzige Mal wußten wir um den Stolz und das Glück, im Sprechen die Musik eines jeden Wortes zu empfinden, zu wissen, daß nur dir und deinem Volke sein Ton und seine Bedeutung offenbar ist, daß allem, was in dir erwacht, jemand einen Ausdruck bereitet hat, der sich in deiner Seele birgt, und der jedesmal gehorcht, wenn du ihn rufst. Wie litten wir damals unter dem künstlichen jiddischen Sprechen mancher anderer. Und es war uns unverständlich, wie es möglich war, den gefälschten Ton zu überhören, da es doch so viele Lehrer für den Takt der Sprache gab. Viele von uns, vor allem die Männer, kannten die hebräische Sprache. Das Erwachen zum Hebräischen geschah gleichzeitig mit dem Erwachen zum Jiddischen. Denn wie viele gab es, deren Kenntnis der hebräischen Sprache stumm in ihnen lag wie ein Stein, unbeweglich und tot. Daß im Hebräischen ein nationaler Schatz verborgen ist, war auch denen gewiß, die die Sprache nicht kannten und sie erlernen wollten. Das war die Periode Bialik, die Jahre, in denen „Massa Niemirow"1) und „HabrScha"2) geschrieben wurden. Auch diejenigen, die nicht hebräisch lasen, kannten Tschernichowsky, 2) Die Taten von Niemirow. 2) Der Teich.

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