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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 430

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Das Judentum im deutschen Denken
Date
1923-01-01
Page
430 (sequence 2)
Language
German
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430 Robert Arnold Fritzsche: Gesellschaft. Wie rechtfertigt sich — bei einmal erreichter Einbürgerung der Juden — das Fortbestehen der abzäunenden Ceremonialgesetze? Mendelssohn deutet das Gesetz als ein Sinnbild religiöser Wahrheiten. Das Sinnbild stellt sich in Handlungen dar, nicht abgelöst in Gestalten, denn diese könnten sich vor die Gottheit drängen; nicht aufgelöst in Worte und Wortzeichen, denn ihnen könnte das lebendige Wesen der Gottheit entgleiten. Die sinnbildlichen Handlungen zu vollziehen bleibt der Jude verpflichtet. „Die Ehrfurcht vor Gott zieht eine Grenze zwischen Spekulation und Ausübung, die kein Gewissenhafter überschreiten darf." Der „Spekulation" innerhalb ihres eigenen Bereichs werden also keine Schranken gesetzt, nur ihr Hineinsprechen in die rituelle Praxis wird abgewiesen. Mendelssohn fürchtet, daß gegenüber der „Heiligkeit Gottes" die Vernunft umschlage in „Vernünftelei". Die Gefahr bestand wirklich, denn der Sinn der Geschichte war der deutschen Aufklärung noch verschlossen. Mendelssohn bescheidet sich bei einer historisch datierten Verbindlichkeit; sie gebietet wie von außen her, sie ruft ihm ein Halt zu. Er forscht nicht nach dem Warum, ja er stellt nicht einmal die Frage nach dem Wohin des geschichtlichen „Fortgangs". Der Fortgang gilt nur „für den einzelnen Menschen, dem die Vorsehung beschieden, einen Teil seiner Ewigkeit hier auf Erden zuzubringen". So behutsam* wagt sich Mendelssohns Judentum an das Denken seiner deutschen Umgebung heran, und wenn er von Christen spricht, so hat er wohl Männer im Auge wie Spalding und Engel. Sein Deutschtum aber bezeugt er durch seine Prosa. Bedenken wir es wohl: diese Angleichung vollzog sich wie nebenhin, sie brauchte nicht betont zu werden. Unsere „Bildung zur Nation" war kaum angebahnt, und das Wort „Deutschtum** selbst ist ja erst nach 1815 aufgekommen. Aber was besagt ihm denn die deutsche Art? Die Antwort gibt er zu Anfang des dritten seiner „philosophischen Gespräche". Es handelt sich da um die Lehre von der besten der möglichen Welten. Numesian rühmt den Candide und glaubt seinen Partner Kallisthen überführt: „Gestehen Sie mir, so deutsch, so metaphysisch gesinnt Sie immer sein mögen, haben Sie nicht lachen müssen?" Kallisthen „verweigert zwar einem Voltaire das Lachen nicht", aber dann stützt er mit neuen Erwägungen die Theodicee. „Ich möchte auch diese Lehre um meiner eigenen Ruhe willen, nicht gern entraten; denn sie ist das einzige, das mich in Zufriedenheit setzen kann." Mendelssohns Ton gewinnt hier eine Innigkeit, wie sonst nur, wenn es um seine Religion geht, und diese Gesinnung einer vertrauenden Systematik heißt ihm deutsch. „Metaphysisch" aber ist ihm an dieser Stelle nicht mehr und nicht weniger als der „Geist der Gründlichkeit", von dem Kant erhoffte, „daß er in Deutschland noch nicht ausgestorben sei." Wir bemerken noch, wie Mendelssohn gegen das Ende des Dialogs seine Verehrung für Leibniz und Newton bekennt; der englischen Sensualisten, soviel er ihnen für die Pflege seines Geistes verdanken mochte, geschweige der Franzosen erwähnt er nicht in einer Stunde philosophischer Andacht.

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