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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 424

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Die jüdische Gefahr
Date
1923-01-01
Page
424 (sequence 9)
Language
German
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424 Oskar Baum: wahr, daß wir die Bemühung an die Stelle der Gnade setzen wollen, wie Blüher den Gegensatz zwischen Evangelienchristentum und jüdischer Gesetzestreue sieht. Arier und Jude ist für ihn die Verewigung des Gegenüber von Gnade und Bemühung. Er sucht das an den Vorgängen im politischen, gesellschaftlichen und geschäftlichen Leben zu erweisen. Und hier ist der Augenblick, wo die ernste Frage, die gewichtige Entscheidung zur Sprache zu bringen ist, vor die das Galuthjudentum seit der Öffnung der Ghettotore gestellt ist und die in besonders scharfer und eindringlicher Form vor alle anderen Fragen gestellt zu haben, ein unstreitiges Verdienst der Blüherschen Schrift bleibt. Die Lebensfrage des modernen Juden: Darf er an dem fremden Volksleben, an der fremden Geisteswelt mitarbeiten, wenn er an dem eigenen festhält? Darf er an dem eigenen Wesen festhalten, wenn er an der fremden Kultur mit dem Herzblut mitarbeitet? Schädigt er die fremde, die eigene Art? Oder beide? Unsere äußere unabänderliche Zwangslage dieser Frage gegenüber wird von unserer Seite zu unserem nicht geringen Schaden sehr unterschätzt. Auch wenn der Zionismus sein Ziel in ungeahntem Umfang erreicht, wird das Galuthjudentum der Zahl und Geisteskraft nach keineswegs abnehmen, da ja Palästina nur einen Bruchteil des jüdischen Volkes und den auch nur sehr allmählich aufnehmen kann. Lassen wir uns aber von der Erkenntnis und dem Gefühl dieser Zwangslage zu keiner Unaufrichtigkeit verleiten, so wenig wie in entgegengesetzetr Richtung von unserem seelischen Auswanderungsbedürfnis. Sehen wir ebenso ab von unserer Liebe zum Erdreich, zur Landschaft, zur Luft und Sprache der Umwelt, die zu Hingabe und Dankbarkeit auch ein weniger überschwängliches, weniger empfindsames Volk hinreißen müßte, und andererseits von dem Stolz auf die Werte unserer Eigenart. Untersuchen wir, ob wir wirklich in dem Maße fremd sind, und erinnern wir uns an die Feststellung, daß unter den besten und einflußreichsten Geistern aller Nationen und besonders der deutschen so viele fremdvölkischer und fremdrassiger Abkunft sind. Die entscheidende Frage aber ist: dürfen wir müßig und teilnahmslos danebenstehen, wenn in der Kulturwelt um uns eine Arbeit ruft, die wir zu leisten vermögen und die sonst nicht getan wird? Darauf ist das Gewicht zu legen! Eben durch die Rassenverschiedenheit tritt in den großen, grundlegendenDingen wie in den kleinen, stofflichen Fachbezirken eine unabsichtliche Arbeitsteilung ein. Es kann in vielen Punkten weder von Konkurrenz noch von Ersatz die Rede sein, es handelt sich oft um eine natürliche Ergänzung. Hat Rathenau durch die Organisation der Rohstoffversorgung im Krieg etwa einen arischen Gedanken verdrängt oder das deutsche Volk korrumpiert? Blüher fragt einmal, warum man denn die Juden und kein anderes Volk ins Ghetto gesperrt habe? „Das Ghetto" antwortet er, „ist die natürliche Lebensform des Juden in der nachchristlichen Zeit; es ist zuerst eine seelische Angelegenheit, und nur wenn es dort verankert ist, hat es Bestand." Die Tragik des Juden, fremd zu sein in der Heimat und heimisch zu sein in der Fremde, ist kein vorübergehendes, es ist ein ewiges Schicksal,

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