Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die jüdische Gefahr
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 420 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Oskar Baum: stört ihn nicht, wenn er im selben Atem hinzufügt, daß die Zionisten die größten Peinlichkeitserreger seien, die das Judentum je hätte ertragen müssen, und daß sie doch siegen werden, weil die Lage der Restjuden immer unerträglicher werden würde. Wie nun steht es wirklich mit dem Haß als Rechtfertigung des Hasses, als Anklagematerial? Warum lassen alle Völker die Splitter fremder Nationen widerstandslos in sich aufgehen, öffnen ihr Wesen ihrem Einfluß und lassen alle Veränderungen mit sich geschehen, nur gegen das Auftreten und die Einmengung jüdischer Art bleiben sie reizbar und unduldsam? Sollte eine tiefereRassenverschiedenheit vorliegen wie gegenüber Negern oder Mongolen? Das könnte der Grund nicht sein, denn es gibt ja auch andere nichtarische Völker in Europa; die Iren, Basken, Magyaren, Finnen und andere. Blüher spricht viel davon, daß wir das einzige Volk seien, das Mimikry treibe, Mimikry des Bluts, des Namens, der Gestalt. Es hätten oft unterdrückte Völker sich vor anderen verbergen müssen, aber das seien Geplänkel der Geschichte am äußersten Rande ihres empirischen Ablaufs gewesen. Wenn der Jude Mimikry treibe, so verberge er seine ganze Substanz, und zwar auch dann, wenn niemand ihm etwas zu Leide tue. Ist das wahr? Und sollte das der Grund sein? Nein, das Gegenteil ist wahr! Man haßt uns, weil wir das einzige Volk sind, das, auch in kleinste Moleküle zermahlen und verstreut, sein Anderssein nicht aufgibt, das einzige Volk, das heute noch in Europa als orientalisch wirkt, obgleich es hier schon länger als die meisten anderen lebt. Erst im letzten Jahrhundert der zweitausend Jahre Isolierung in der Fremde suchen Bruchteile dem äußerlichen Unterschied das Aufreizendste zu nehmen. Die Juden sind die einzigen, die auch bei der größten Assimilation einen Rest Eigenart zurückbehalten. Würde man sie sonst noch als Juden empfinden? Diese beispiellose Treue gegen sich selbst können ihm die anderen nicht verzeihen, deren abgesplitterte Glieder in der nächsten Generation schon (z. B. die Deutschen in Böhmen, Belgien, Frankreich, Rußland) Politiker eines feindlichen Volkes zu werden vermögen. Das ist der wahre Grund des untilgbaren Judenhasses. Jede Anregung durch fremde Eigenart ist eine Gefahr und eine Arbeit, eine Anstrengung für die inneren Kräfte jeder Nation. Es ist ein Ringen der Geistes- und Blutrhythmen. Jede Beeinflussung wird zur Probe. Das Volk, das stark genug für die Aufnahme ist, für das ist jede Berührung mit einem neuen Wesenston eine Bereicherung. Man würde dem Judentum eine einmalige Reibung, eine historische Sendung verzeihen, und hat sie ihm ja auch verziehen: das Christentum. Aber unausgesetzt, mit unerschütterlich zäher Lebenskraft an seinem Anderssein festhalten, so daß man immer wieder von neuem mit gleicher innerer Kraftanspannung dagegen sich behaupten muß, — das ist unbequem, das ist lästig, das ist das Geheimnis der einzigartigen Verhaßtheit eines weißen Kulturvolks. Wie bei Weininger, dem Blüher das zutreffendste und wirksamste seiner Argumente entlehnt, gilt auch bei ihm der leicht beirrende Umstand,