Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Anzeige staatswissenschaftlicher Schriften
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 382 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU POLITIK Anzeige staatswissenschaftlicher Schriften I Aktuelle Sorgen mögen — mit Recht — den zionistischen Politiker darauf hinweisen, in wie hohem Grade jüdische Politik von den Besonderheiten der jüdischen Volksexistenz bestimmt wird. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß wir auch die geistigen Niederschläge der allgemeinen politischen Atmosphäre zu beobachten haben. Ihre Kenntnis gibt uns Anregung und Anlaß zur Prüfung. Allgemein-politische Betrachtungen sind für unsere Angelegenheiten nutzbar zu machen, und andererseits können sich aus den besonderen Erfordernissen der jüdischen Politik, aus ihren notwendigen Unterschieden vom allgemein gebräuchlichen politischen Verfahren möglicherweise Folgerungen ergeben, die für eine Verbesserung der politischen Beziehungen überhaupt zu verwerten sind. Unternähme man, was bisher kaum geschehen ist, den Versuch, ein System der zionistischen Politik aufzubauen und an die Begriffe und Vorgänge der allgemeinen Politik anzuschließen, so würde sich vielleicht die Revisionsbedürftigkeit mancher unserer landläufiger, aber unklarer Anschauungen ergeben. Der Betrachtung aktueller politischer Literatur sind nur sporadische Hinweise auf die politischen Probleme des Zionismus zu entnehmen, die aber zur Vorbereitung systematischer Überlegungen beitragen können. IL Der Zionismus will dem jüdischen Volk eine Existenzform wiedergeben, die es seit Jahrhunderten nicht gehabt hat, die aber die allgemein übliche Form des Lebens der Völker ist: das Leben des jüdischen Volkes soll in der Form der Politik gefaßt werden. Als die politische Form, in der die Völker leben, wird im allgemeinen der Staat angesehen. Das war und ist auch die vorherrschende Meinung der Zionisten, die sich deswegen politische nennen, weil die Idee des Judenstaates — in mehr oder weniger verklausulierter Form — ihr Zielgedanke ist. Diese Auffassung wird sich notwendigerweise mit der Kritik auseinander setzen müssen, welcher die Idee des Staates überhaupt neuerdings ausgesetzt ist. Wer in der Doktrin die Gestalterin oder wenigstens Schulmeisterin künftigen Lebens verehrt, hätte erwarten müssen, daß die bolschewistische Herrschaft in Rußland einen grandiosen und praktischen Versuch zur Widerlegung der Staatsidee darstellen würde. Denn Lenin hatte uns in der Schrift „Staat und Revolution" versichert, daß die Einführung der kommunistischen Ordnung eine staatslose Organisation der Gesellschaft und das „Absterben des Staates" bringen würde. Allerdings sollte eine Übergangszeit vergehen, bis die Gesellschaft gänzlich ohne Staat dastände. Daß indessen die bolschewistische Regierung bisher nicht einmal den Beginn einer solchen Übergangszeit, vielmehr eine in der Neuzeit vielleicht noch nicht dagewesene Steigerung der. Staatsgewalt bedeutet, ist eine Tatsache von banaler Bekanntheit. Und wenn Tschitscherin vor einiger Zeit darauf hinwies, daß der Bolschewismus es verstanden habe, den russischen Staatsgedanken in vorher unbekanntem Maße in die Breite und Tiefe des Volkes auszudehnen, so bedeutet das schon nicht mehr nur ein Anerkenntnis des Widerspruches zwischen Theorie und Praxis, sondern eine grundsätzlich andere Einstellung. Die Krisis des Staatsgedankens ist indessen noch nicht überwunden, die Kritik am Staate noch nicht zur Ruhe gekommen. Die Tendenz, die Kräfte und die Organisation der Wirtschaft von der allgemein-politischen Organisation des Staates abzulösen, ist eine bekannte Ausdrucksform dieser Erscheinung. Sie zeigt sich in Deutschland — mehr noch als in der Einrichtung des Reichswirtschaftsrates ■— in der selbständigen Bedeutung, die bestimmte wirtschaftliche Kreise im Verhältnis zu den üblichen Kristallisationspunkten der Politik, Regierung und führenden Parteien, gewonnen haben. Sie wird in systematischer Form von der englischen Gildenbewegung vertreten. Ihre Anschauungen — nicht nur die politischen, sondern auch die wirtschaftlichen — werden deutschen Lesern neuerdings nahe gebracht durch eine ins Deutsche übersetzte Sammlung von Aufsätzen Russeis1). Sie werden auch von Bern in seiner durch ansprechende *) Bertrand Rüssel, Politische Ideale, übersetzt von E. J. Gumbel. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin.