Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 355 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Eduard Strauss: Augustinus der Bekehrte 355 stehenden Freunde und Anhänger sich in ihren letzten Stunden bei ihnen einfinden, um sich von ihnen „benschen^ zu lassen. Auf die Nachricht hin, daß der Zaddik ernstlich erkrankt sei und daß mit seinem Hinscheiden gerechnet werden müsse, kommen die Chassidim aus entfernten Gegenden angefahren und drängen sich an sein Lager, um vor seinem Heimgang noch den letzten Segen zu erhaschen. Mit Stolz hört man mitunter einen Chassid erzählen, wie es ihm gelungen sei, noch rechtzeitig an das Krankenlager des Zaddik zu kommen und vor dessen „P'tirah" (Hinscheiden) seine „B'rachah" (Segen) zu erlangen. Der Wohlstand und der Reichtum so manchen Chassids und, was als das höchste Glück für einen frommen Juden gilt, seine gelehrten und gottesfürchtigen Nachkommen, werden vom Volksmund als Verwirklichung eines solchen letzten Segens aufgefaßt. An das Krankenlager besonders frommer und durch Wohltätigkeit berühmter älterer Frauen — im Osten sind fast in jeder Gemeinde solche zu finden — werden kleine Kinder und insbesondere kleine Mädchen gebracht, um sich von ihnen benschen zu lassen. Aber jeder Segen hat Wert und Bedeutung; selbst der von einem Laien ausgeteilte soll nicht gering geschätzt werden.1) Nachdem am Lager des Kranken der Segen empfangen wurde, entfernen sich die „Gebenschten", wobei sie dem Kranken eine „R'fuah sch'lejmah!" zurufen, was ihm sehr wohl tut und worauf er mit „Amen!" antwortet. EDUARD STRAUSS / AUGUSTINUS DER BEKEHRTE2) Unsere Weisen sagen, daß das Kind einer jüdischen Mutter ohne weiteres ein Jude sei. Ist das Kind einer christlichen Mutter ebenso ohne weiteres ein Christ? Die Antwort auf die Frage kann nur ein Nein sein; denn nicht durch seine Geburt schlechthin, d.h. durch die Abstammung von diesem und keinem anderen Blute, wird der Mensch zum Christen, sondern durch etwas, was erst im Zeitraum seines Einzellebens, sei es auch in dessen frühesten Tagen, geschehen kann. Weder die christliche Gnade an sich, noch die gemeinschaftbildende Verbindung mit allem, was christlich heißt, ist ihm ohne weiteres aus der Geschlechterfolge auf den Weg mitgegeben. Die christliche Heiligung vor allem wird dem Menschen durch den Akt der Taufe zuteil: sie ist es, die den Heiden zum Christen macht und ihm etwas verleiht, das er unter keinen Umständen schon hat. In den ersten Zeiten / »cum, „m ginan , u. _ « 2) Der dritte der Vorträge über Christentum, deren ersten wir in Heft n des VI. janrgangs, deren zweiten wir in Heft i dieses Jahrgangs publiziert haben. 23*