Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 334 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101196-3108209--6126-3108236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
334 Hans Kohn: Zur Geschichte der zionistischen Ideologie und Zukunft, zwischen innen und außen, zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen nationaler Aufgabe und Mitarbeit an allem Menschlichen gelöst. Indem die Siedlung der jüdischen Arbeiter in Palästina aus der Tradition das Lebenspendende, Zukunftsweisende gewählt hat, das, ,,was Erdnähe, verklärte Weltlichkeit, Einatmen des Göttlichen durch die Natur ist", strebt sie nach einer neuen Gestaltung des Lebens aus dem Geiste, eines volkhaften Lebens im Dienste der Menschheit. Das jüdische Leben durch bald vier Jahrtausende war ein Ringen um den Dienst Gottes auf Erden, um die Bildung einer Menschen-Gemeinschaft nach seinem Sinne", um die Herbeiführung des Gottesreiches auf Erden. Die Auserwähltheit des jüdischen Volkes war eine heroische Anspannung, die immer wieder in Abspannung zusammenbrach, eine zermalmend lastende Pflicht, wahrhaft ol maikuth schomajim1). Um unter der Schwere dieser Last nicht verkrümmt und verkümmert zu werden, um unter der steten heroischen Spannung nicht zu zerbrechen, ist es nötig, daß das Judentum wieder mit der Erde in Berührung komme, daß es der Rhythmus naturnahei Arbeit mit den nährenden Kräften des All verbinde. A. D. Gordon, der greise Pionier dieses neuen Lebens, hat seine verjüngende Wirkung geschildert: „Man arbeitet einfach ohne Künste, manchmal schwer und derb, und doch erlebt man zeitweise etwas, das nicht besser auszudrücken ist, als daß man sich gewissermaßen organisch in die Arbeit der Natur selbst einarbeitet, in ihr Leben und Schaffen hineinwächst. Etwas erfaßt den Menschen, so weltengroß, so himmelreich, so abgrundtief, daß es ihm vorkommt, als ob auch er Wurzel in die Erde schlage, die er gräbt, als ob auch er sich von den Sonnenstrahlen nähre, als ob auch er mit allen Gräsern, allen Halmen, allen Bäumen sich tiefer in die Natur, größer in die große Welt hineinlebe." Diese kosmische Naturnähe ist etwas dem Judentum völlig Neues: der Wandel seiner Gestalt, der seine anscheinend starren Bindungen aufgelöst hat, ist noch nicht zu Ende, es hat noch nicht seine neue Form gefunden; aber langsam wächst es auf vielfachen Wegen diesem Neuen zu. Und dieses Neue beginnt sich uns als ein Ausgraben verschütteter Quellen darzutun, als ein Aufleben uralter Tendenz auf der Stufe eines neuen, bereicherten und gereiften Lebens. *) „Das Joch der Himmelsherrschaft."