Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 325 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der zionistischen Ideologie 325 Wege zu finden, um dasjudentum zu erhalten. Das Volks-Ich ist für Achad Haam eine kulturelle Kontinuität in der Zeit, eine materiale inhaltliche Einheit, die bestimmt wird durch ihre historischen Erinnerungen und Eindrücke, und deren Zukunft bestimmt wird durch ihre Hoffnungen und Begehrungen, die eng verschlungen sind mit den kulturellen Erinnerungen der Vergangenheit und ihnen entstammen. Zu den inhaltlichen Bestimmungen des Judentums gehören das Bewußtsein seiner Auserwähltheit, die eine sittliche Verpflichtung äst, der universale Nationalismus, das messianische Ideal und die soziale Gerechtigkeit. Diese durch ihre gesamte Geschichte inhaltlich bestimmte Volksindividualität ist nun in Gefahr der Auflösung; die jüdische Not ist keine individuelle Not, auch keine sozialökonomische oder eine der äußeren Geltung der Gemeinschaft, sondern eine sozial-geistige, die Auflösung des einheitlichen Judentums durch Assimilation in verschiedene Judentümer, der Verlust der jüdischen Seelensubstanz. Als einziges Mittel, um die gefährdete Einheit des Judentums zu retten, erscheint die Konzentration. Die Vereinigung aller Juden in Palästina ist das Ideal der messianischen Zeit. Aber schon jetzt vermag „ein zentraler Ort, der an und für sich und nicht durch einen zufälligen, zeitlich bedingten Umstand eine hinlänglich starke Anziehungskraft besitzt*als geistig einigender Mittelpunkt des Gesamtjudentums aller Länder zu wirken, um die zersetzende Wirkung der Assimilation aufzuheben. Diese Wirkung aber kann Palästina nur bei denjenigen Juden hervorbringen, in deren Herz das Bedürfnis nach Wiederherstellung der nationalen Einheit vorhanden ist. „Unter diesen Umständen kommt es vor allem auf die Belebung der Herzen an. Zu allererst ist dahin zu wirken, daß die Judenheit die fortschreitende Auflösung ihrer nationalen Einheit als Unglück zu fühlen beginne und in ihr der Wille zur nationalen Neubelebung allgemein erwache. Dann wird auch der Glaube an die Möglichkeit der Wiedergeburt in Zion immer stärker werden."1) Auf Grund einer großen, alle Zweige des sozialökonomischen Lebens umfassenden, autonomen jüdischen Siedlung in Palästina müssen dort qualitativ mustergültige Leistungen erzielt werden, die vorbildlich in alle Länder der Diaspora hinauswirken können. Auch für Achad Haam handelt es sich um eine Synthese der jüdischen Tradition und der Aufklärung. Aber im Zentrum dieser Synthese steht ihm „das lebendige Streben des Herzens nach des Volkes Einheit, Wiedergeburt und freier Entwicklung, dessen Urgeiste entsprechend, auf allgemein menschlichen Grundlagen." Das verjüngte jüdische Herz, von neuem unmittelbar mit dem Leben verbunden, aber das jüdische Herz ist ihm unverrückbarer Mittelpunkt. Achad Haam ist ein Schüler des rationalistischen Evolutionismus Herbert Spencers. Ihm fehlt das große Pathos des Revolutionärs; er ist ein intellektueller Aristokrat; er glaubt an die Masse nicht, und er 1) Schear Jaschub „Der Zionismus Achad Haams" (im oben genannten Sonderheft des »Juden"),