Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Hygiene
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 299 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU HYGIENE Der Sanitätsdienst beim Straßenbau Tiberias—Samach Vorbemerkung der Redaktion: DerStraßenbau Tiberias- Samach war der erste „Kwisch", den die Arbeiterschaft Palästinas durchführte. Der Straßenbau war in jeder Beziehung eine Improvisation, weder die Regierung noch die Arbeiter hatten die erforderlichen technischen und ökonomischen Kräfte. Die folgenden Ausführungen des beim Straßenbau tätigen Arztes zeigen, wie die Improvisation allmählich in eine aus eigenen Kräften hergestellte Organisation überging. Den Arzt und Hygieniker stellte die Etablierung des Straßenbaus vor neue Aufgaben: i. Hunderte von jungen Leuten, Abkömmlinge der kalten Länder, die noch keine Zeit und Gelegenheit gefunden hatten, sich den Anforderungen des neuen Klimas anzupassen, hatten hier in der subtropischen Hitze der Kinerethdepression, 200 m unter dem Meeresspiegel, die schwersten körperlichen Arbeiten auszuführen. 2. Beim Mangel an entsprechenden Ausrüstungsgegenständen, besonders an Betten und Decken, wie er insbesondere in den ersten Monaten herrschte, mußte das Hausen in den Zelten, auf der nackten oder höchstens durch eine Matte bedeckten Erde im Sommer und Winter die Gesundheit gefährden. Die enormen Schwankungen zwischen Tag- und Nachttemperatur schufen unter diesen Umständen eine Disposition zu Rheumatismus und zu Erkältungen. 3, Es war eine gewöhnliche Erscheinung, daß während der heißen Monate in den Arbeitergruppen und besonders in solchen, wo die Mehrzahl der Angehörigen Neuangekommene waren, die Hälfte der Arbeiter krank und arbeitsunfähig war. Welche Katastrophe war erst zu gewärtigen, wenn eine solche in Palästina ganz ungewohnte Arbeitermasse sich hier konzentrierte? 4. Die Arbeit des Straßenbaues, mit ihren gewaltigen Erdbewegungen, Sprengungen, Schotterschlagen, Kleinbahntransporten gilt sogar im Auslande, wo nur gelernte Arbeiter daran teilnehmen, für nicht ungefährlich. Welchen Gefahren mußten diese in der Arbeit ganz unerfahrenen Leute ausgesetzt sein? Diese und viele andere Umstände zeigen deutlich, daß nur eine streng durchgeführte Lagerhygiene, eine gute, kräftige, stets aus frischen Produkten zubereitete Kost, die Versorgung der Arbeiter mit Bett, Wäsche und Decken, eine gute Organisierung der ärztlichen Hilfe und ein systematischer und großzügiger Kampf gegen die Malaria den,, Kwisch*' in guter und arbeitsfähiger Form erhalten kann. Auf die Küche und Verproviantierung konnte der Arzt nur indirekt Einfluß nehmen. Seine Wünsche wurden nur zum Teil erfüllt, da jedesmaj ein Kompromiß zwischen dem Notwendigen und den bestehenden Möglichkeiten getroffen werden mußte. Zur Durchführung der Lager-Hygiene wurde ein Sanitäter angestellt? dem die Reinlichkeit des Lagers, die Instandhaltung und Desinfektion der Klosette, die tägliche Verbrennung der Küchenabfälle, die fallweise Entlausung der Decken und Kleider und die Durchführung der Chinin-Prophylaxe oblag. Größere Schwierigkeiten bot die Organisierung der ärztlichen Hilfe. Die an ihr Budget gebundene Hadassa wollte sich zu größeren Ausgaben nicht herbeilassen, die Krankenkasse sowie der Kwisch selbst waren dazu zu schwach — und so blieben die Verhältnisse in den ersten Monaten recht traurig. Das kleine Spital der Hadassa in Tiberias konnte die zahlreichen Kranken des Kwisch nicht aufnehmen, und obwohl die Leitung des Straßenbaues in einem dem Spital gegenüberliegenden Hotel ein Zimmer mietete, das bis 3 Kranke aufnehmen konnte und in dem eine eigene Schwester über die Kranken wachte, war die Hilfe doch unzulänglich und viele der Kranken wälzten sich ohne jegliche Pflege in den Zelten herum. Wohl war auch im Lager selbst eine Feldscherin angestellt, aber diese war mit der ambulanten Behandlung voll beschäftigt und konnte, obwohl sie bis in die Nacht hinein arbeitete, doch nicht alle Arbeit bewältigen. Eine radikale Wendung zum Besseren trat erst ein, als im Tischri 5681 die Hadassa einen eigenen Arzt auf den Kwisch entsandte und dieser das gesamte Krankenwesen in seiner Hand konzentrierte. In einem der Badegebäude wurde ein Notspital errichtet und für die Kranken eine eigene Küche etabliert. Bald darauf wurde durch einen auf 6 Monate abgeschlossenen Kontrakt zwischen den Leitungen der Hadassa und des Kwisch ein gut ausgerüstetes fliegendes Spital eingerichtet, dessen Personal aus dem Arzt und 3 Schwestern bestand und