Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Eine neue Phase zionistischer Erkenntnis [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 296 (sequence 2)
- Language
- German
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296 Bemerkungen: Eine neue Phase zionistischer Erkenntnis heiten treten in diesem Gewände vielleicht etwas weniger markant hervor, als man es im Interesse ihrer Popularisierung aufrichtig wünschen würde: denn eine vollständige Durchdringung des Zionismus mit diesen Gedanken würde die bedeutendste Wandlung seines inneren Gehaltes wie seiner Funktion nach außen hin mit sich bringen, deren er seinem Wesen nach überhaupt fähig ist; sie zu deuten, zu klären und, auf einfache Formeln gebracht, den Massen, die in ausgefahrenen Geleisen kein Ziel finden können, ständig bekannt zu machen, wäre eine Pflicht des Verantwortlichkeitsgefühles. Ein Schlagwort klingt auf, das einen ganzen bedeutsamen Ideenkomplex mit zündender Kraft zu komprimieren weiß: das Dogma des Universalismus unserer Bewegung durch die Negierung ihres Charakters als „einer Versicherungsanstalt des Einzelnen für seine eigene glückliche Zukunft". Als unseliges Erbe der in allen ihren Spielarten im „freien Spiel der Kräfte" des theoretischen Liberalismus wurzelnden Assimilation übernahmen wir allzu kritiklos den Individualismus der letzten Epoche unserer Geschichte: noch gilt uns heute eine Summe glücklicher Einzelschicksale als Voraussetzung und Basis der glücklichen Zukunft der Volksgemeinschaft. Unsere Galuthwie unsere Palästinapolitik dienen, von der Vertretung individueller Rechtsgüter und Lebensansprüche ausgehend, dieser Einstellung, dem aussichtslosen Versuche einer Koppelung divergierender - universalistischer, (Gemeinschafts-) und individualistischer—Politiken. Folglich ist der Gedanke niemals ausgesprochen und ausgesponnen worden, daß das Geschick der Einzelnen und das der Nation unter mannigfachen Umständen in Opposition geraten und die Entscheidung für eines von ihnen auf Kosten des anderen nicht zu vermeiden sein könnte; vielmehr, wie unsere Bewegung sich aus Mangel innerer Geschlossenheit in der Praxis schon oft auf einen Weg festgelegt hat, wird dieser Konflikt, der im kleinen alltäglich vorkommt, ohne Überlegenheit noch heute zugunsten des Individuums Entschieden. Unsere Bewegung ist nach außen hin, insbesondere in den Ländern der Diaspora, ausschließlich Rechtsschutzverfechtung, Schutz für Rechtsgüter aber, deren Wert niemals unter die zionistische Lupe genommen wurde; nur insoweit die Erhaltung der Einflußphäre des Individuums für die Zukunft der Gesamtheit notwendig ist, darf sie die Einstellung unseres Kurses in der Richtung ihrer Verteidigung beanspruchen. Was darüber hinausgeht, hat ignoriert, ja hat bekämpft zu werden; verschieden werden die Grenzen sein, die verschiedene bei ihrerRevision national-jüdischer Rechtsgüter anzunehmen für gut finden; daß die Zukunft des Einzelnen jedoch Spielraum und Richtung von dem Kurse des Volkes verliehen erhalten soll, muß auch dann ins Bewußtsein eingehämmert werden, wenn damit „Opferu im Sinne schrankenlosindividualistischer Denkweise verbunden sind. Nur wer sich selbst bis hierher durchgerungen hat, wird nun mit Selbstverständlichkeit in Kohns Schrei nach dem Maximalprogramm einstimmen müssen: Wir müssen „Halbheiten ausweichen", müssen die Regenerierung des jüdischen Volkes selbst nur als Mittel zum großen Ziele, voll Verantwortungsgefühl für eine weite Zukunft, erfassen, müssen einsehen, daß „unserem Programme die Gefahren, Spitzen, Kampfstellungen zu nehmen" dann Verbrechen ist, wenn wir dem Zionismus in der Auswirkung seiner ihm innewohnenden Kräfte und Funktionen gerade so, wie er in äußerster Freiheit sich entwickeln soll, für eine historische Notwendigkeit, für einen essentiellen Faktor der allgemeinen Entwicklung der Menschheit halten. So tritt das Konsensprinzip auf, wohl nur schüchtern ertönend: der den berufsmäßigen Verkündern der völkerversöhnenden, menschheitsdienenden Funktion des Zionismus unbekannte Gedanke, daß Vernunft und Verfolgung eigener Ziele, nicht etwa wandelbare Begriffe über Humanität, unsere Umwelt zu spontanen, vertrauensvollen und tätigen Vorkämpfern der Lösung der Judenfrage im zionistischen Sinne machen sollen und können dieser Gedanke nimmt, freilich bloß auf den Boden Palästinas radiziert, in Kohns