Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Wahrheit aus Palästina
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Achad Haam: Darum hatte ich auch, sowohl als ich nach Palästina reiste wie auf meiner Rückkehr von dort, bei der Abfassung der „Wahrheit" diesen Gedanken stets als Richtschnur vor Augen, nach der ich urteilte. Und da ich ihn bei allen Zionsfreunden als wohlbekannt und selbstverständlich voraussetzte, deutete ich nur zu Beginn meines Aufsatzes mit wenigen Worten auf ihn hin und bemühte mich, im weiteren nur zu zeigen, daß unser Tun nicht zweckentsprechend sei, da es mit der gewollten Absicht nicht im Einklang stehe. Daran aber zweifelte ich gar nicht, daß die Absicht uns allen gleich und gemeinsam sei. Und ist die A b s i c h t gemeinsam, so müssen es die Folgerungen daraus gleichfalls sein; wenn wir alle in der Besiedlung Palästinas eine Antwort ,,auf die Daseinsfrage der Gesamtheit*' sehen, müssen wir alle ja zugeben, daß die Auswanderung nach Palästina grundverschieden ist von der nach den anderen Ländern. Wenn irgendein Jude nach irgendeinem anderen Lande geht, um sein Brot zu suchen, macht er das „auf eigene Verantwortung". Findet er dort, was er sucht —• gut; wenn nicht, so gibt es eben einen Armen mehr in jenem Lande, und er fällt dem Volke im Lande oder den dort wohnenden Juden zur Last, ohne daß die jüdische Gesamtheit davon betroffen würde. Ebenso lädt er, wenn er sich dort schlecht aufführt, sich häßlicher Mittel beim Erwerb seines Lebensunterhaltes bedient usw., eine Schuld gegenüber jenem Lande und den dort wohnenden Juden auf sich, die vielleicht für seine Schuld mit verantwortlich gemacht werden. Dem Judentum als panzern aber hat er nichts getan, und es ist uns gleichgültig, ob dieser Arme oder Schuldige im Norden oder im Süden wohnt und ob er seinen Brüdern in diesem oder in jenem Lande zu schaffen macht. Darum ist es nicht Sache der Gesamtheit, irgend jemand zu hindern, der auf eigene Gefahr auswandern will, wohin er eben Lust hat, um dort Glück oder Reichtum zu erjagen und zu tun, was sein Herz begehrt. — Anders in Palästina. Dort ist jener eine „von hundert" nicht ein Individuum für sich, sondern ein kleinerer oder größerer Stein zum Fundament eines ganzen Baues, von dem wir Folgen für den Bestand des Volksganzen, sein Glück und seine Ehre in der Zukunft erwarten. Und weil von der Beschaffenheit und Gestalt dieses Fundamentes die ganze Zukunft des Gebäudes abhängt und jeder einzelne Stein darin mithin das Glück der ganzen Gesamtheit mitbestimmt, ist es Pflicht der Gesamtheit, wohl darauf zu achten, daß das Material fest, die Anlage gut und dem Zweck des ganzen Gebäudes entsprechend sei; oder, unbildlich gesprochen, wir müssen alles daran setzen, daß die Einwanderer, und besonders die ersten, die den Grund legen, nicht „ein bunter Haufe unbemittelter Auswanderer und Glücksjäger seien, die zu keiner Arbeit taugen, sondern gesunde, wackere und redliche Männer, die die Arbeit, und ein friedlich geordnetes Leben lieben*'. Denn nur von solchen Menschen darf man erhoffen, daß sie sich physischer Arbeit auf dem Boden ihrer Väter mit Ernst und Eifer widmen und ein einfaches, gesundes Leben führen werden: und nur zu ihnen können wir das Vertrauen haben, daß sie, die in Palästina eine Antwort auf die Brot-