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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 492

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Wie aus einem Juden ein Deutscher ward
Date
1916-10-01
Page
492 (sequence 3)
Language
German
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492 Bemerkungen jüdischen Wesenskern in Lissauers Dichtung nachgehen. Doch ihm fehlt das Zeug dazu. Vor einiger Zeit aber ist ihm die Freude zuteil worden, eine Analyse von Lissauers dichtenschem Wesen zu Gesicht zu bekommen. Die brachte er, der Scheuklappige, gleich unter seine jüdische Brille. Dr. Christine Touaillon hatte in den „Dokumenten des Fortschritts1' eine Studie „Ernst Lissauer" veröffentlicht, in der seines Judeseins natürlich mit keinem Worte Erwähnung getan wurde. Stracks schrieb mein Freund ihr folgenden Brief: n---gestatte ich mir, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß viele der von ihnen festgestellten Merkmale der Lissauerschen Dichtungen auf seine jüdische Wesensart zurückzuführen sind. So der „Anklang an die althebräische Poesie im Hymnus", womit im Zusammenhange steht: er „wendet sich zum Universum, schildert kosmische Stimmungen, spielt mit Sonnen und Sternen Fangball' Dabei denke ich insonderheit an die Lyrik sui generis der Psalmen und mancher Propheten. Weiters gehören dazu Ihre Charakteristiken: „Tiefstes Erbarmen kennzeichnet Lissauers soziale Lyrik" und starker Sinn für das Ethisch-Soziale überhaupt. Ferner: „In dieser Lyrik der Masse hat die Erotik keinen Raum" — dieselbe Konstatierung machten viele Kritiker bei dem größten Lyriker der Ostjuden, dem hebräisch dichtenden Chaim Nachman Bialik,*) und ebenso bei dem auch repräsentativen Morris Rosenfeld, der in jiddischer Sprache dichtet. Im Ostjudentum aber hat sich die jüdische Eigenart in dieser Beziehung doch wohl von Fremdem am wenigsten beeinflußt erhalten können. Ihre Charakteristik ferner: „Immer aber zeichnet er am liebsten bewegte Dinge ... Wie Lissauer in der Natur das Bewegte das Liebste ist, so nimmt ihn überall der Reiz der Bewegung gefangen. Das Reizempfindlichste bei ihm ist das Gehör, nicht das Gesicht", deckt sich mit dem, was von Martin Buber in der Einleitung zu den „Jüdischen Künstlern" (1903) als Merkmal der jüdischen Empfindung überhaupt festgestellt wird: „... daß der Jude des Altertums mehr Ohrenmensch als Augenmensch ... ist. Von allen seinen Sinnen trägt sein Gehör am meisten dazu bei, sein Weltbild zu formen... *) Inwiefern diese Behauptung in einem tieferen Sinn richtig ist, bleibe hier unerörtert Die Schilderungen, soweit sie überhaupt zum Auge sprechen, umfassen Bewegung und Größe, ... Substanzen, die ... sich mehr oder weniger heftig bewegen." Und schließlich schreiben Sie: „Für Lissauers Lyrik ist das Vorherrschen des Verstandesmäßigen sehr charakteristisch." Daß aber ein Überwiegen des Intellektualismus in vielen Beziehungen bei den Juden der Gegenwart schlechthin vielfach konstatiert wird, ist bekannt---." Also schrieb mein Freund. Die interessante Antwort Dr. Touaillons zu veröffentlichen, habe ich nicht das Recht. Jetzt hat mein Freund in den angeführten Psalmen Lissauers einen neuen Leckerbissen gefunden. Da heißt es: „(Gott spricht:) Ich liebe den Wald mehr als den Baum, mehr als die Welle lieb' ich die See... Ich liebe den Menschen, wo immer er haust... mehr liebe ich das Volk." Mein Freund schlägt vor mir triumphierend die „Drei Reden über das Judentum" von Martin Buber (1911) auf, wo schwarz auf weiß steht: „(Der Jude) sieht den Wald wahrhafter als die Bäume, das Meer wahrhafter als die Wellen, die Gemeinde wahrhafter als den Menschen." * Als es auf Lissauers Haßgesang nach anfänglichem Erfolge von allen Seiten bös losging; als man just in Lissauer den Repräsentanten der inferioren eigenjüdischen Gefühlsweise sah; als unser lieber Gönner Houston Stewart Chamberlain sich Lissauers Haß nur erklären konnte, weil er „einem Volke entstammt, das von jeher den Haß als Haupteigenschaft großgezogen hat*'; als der ehrliche Paphnutius schrieb, daß ihm aus dem Haßgesang „eine Gefühlswelle entgegenschlug, die ihm aus einer fremden Welt zu stammen schien, so fremd, daß er aus seinem eigenen Gefühl nicht einmal eine ablehnende Antwort fand" — da brachte mir mein Freund Einseitig wieder eilig das erwähnte Bekenntnis im „Kunstwart", wo er folgende Worte Lissauers dick rot unterstrichen hatte: ,,Wer in seinen Schriften noch jüdischen Geist verlautbart, wird das Vertrauen der deutschen Nation nicht erwerben; wer es kann, nun, der beweist eben, daß aus einem Juden ein Deutscher ward." „Wer es kann!" zischte mein Chauvinist leise und mit Nachdruck. Abraham Schwadron

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