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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 491

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Wie aus einem Juden ein Deutscher ward
Date
1916-10-01
Page
491 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 491 Nun steht aber bei dieser Assimilation, wer so ganz ein Deutscher werden will, vor zwei Kirchentoren: soll er in das katholische eintreten oder in das protestantische? Im allgemeinen meint dort Lissauer: „Da das religiöse Moment immer mehr für den deutschen Juden versinkt, so wird die innere Möglichkeit, zur Landeskirche überzutreten und auch äußerlich den Anschluß an die deutsche Kulturgemeinschaft zu vollziehen, immer größer." Und in einer Fußnote dazu bemerkt er: „Absichtlich gehe ich hier auf die Stellung des modernen Juden zum Christentum nicht ein, da die betreffenden Skrupel auch für moderne Christen gelten; sondern ich fasse die Taufe, ententsprechend der Verwaltungspraxis, die die Konfession oft als Hindernis einer Laufbahn erklärt, als den Akt des Übertritts zur Landeskirche, als einen offiziellen, nicht bekennerischen, auf. Damit tue ich, was die Logik der Tatsachen erfordert; meine eigene Stellung zur Taufe und zum Christentum, zum religiösen Problem überhaupt, ist hiermit nicht angerührt.* * — An sich ist die Sache eigentlich sehr drollig: „versinkt das religiöse Moment" einem Juden, dann hat er „die innere Möglichkeit*zur christlichen Kirche überzutreten. Dies, sagt ein Dichter idealistischer Richtung, fordere „die Logik der Tatsachen", und diese Logik ist die Verwaltungspraxis! Moses Mendelssohns Tochter, Dorothea (recte jüdisch: Brendel), hat als aufgeklärte Israelitin, wie es sich gehört, über Religiosität gespottet. Zum Katholizismus aber übergetreten, ward sie von tiefer Gottesfurcht erfüllt und lief täglich in die Kirche. Und wie katholisch-fromm hat sie ihre zwei Söhne vom Juden Simon Veit erzogen! Damals scheint man noch manchenorts an derlei Frömmigkeit geglaubt zu haben. Heute ist es anders, Gott sei Dank! Jedesmal, wenn bei der Aufführung der „Fünf Frankfurter** einer der Brüder unter den Motiven zur Taufe auch die Überzeugung-anführt, da dröhnt förmlich das Lachen durch den Saal, wie an keiner Stelle sonst im ganzen Stück. Mein erwähnter Freund läßt keine Aufführung dieses Lustspiels aus; er kommt nur zum dritten Akt, läßt an diesem Lachen sein Herz sich erfreuen und geht gleich fort. Auch Fritz Wittels schreibt in seinem „Taufjuden**: „Der Jude, der sich aus*wahrem Glauben an den christlichen Himmel und seine Seligkeit taufen läßt — man lache nicht! Man weine lieber darüber, daß diese Vorstellung lächerlich ist!*' Aber, wie gesagt, für die „Vordersten in der Zersetzung** ersteht da eine Problematik: welche Kirche? „Landeskirche** — wenn aber Heimatland und Wohnland verschiedene Kirchen haben? Wenn man von einem Lande in ein anderes zieht? Oder wo beide Kirchen gleich stark vertreten sind? Sind da nur die Spitzen der Gesellschaft Maß, nach der „Logik der Tatsachen**? Lissauers Neigung scheint sich dort dem Protestantismus zuzuwenden: „Dem Katholizismus eignet das Prinzip der alleinseligmachenden Kirche, er wirbt von Natur**; dagegen verteidigt er „jüdische Literarhistoriker, die protestantische.Luft mit jedem Atemzuge einsaugen** und darum „über Luther arbeiten dürfen'*. Ob das geistig mit seiner Landeskirche einen Zusammenhang hat, weiß ich nicht. Ein anderer Jude, der erwähnte Fritz Wittels, hat einen andern Geschmack. „Ich nehme keinen Anstand zu erklären,*' schreibt dieser in der erwähnten Schrift, daß „mir die katholische Religion vom Standpunkt des Ästheten ... den tiefsten Eindruck macht,.. Wie trocken erscheint das Luthertum mit seiner Logik diesem herrlich unentwegten Glauben gegenüber." Ob da wieder nicht der Einfluß der Wiener Landeskirche wirkt, weiß ich auch nicht. Auch die „Psalmen" („Teile eines Psalmenbuches'*), die jetzt von Lissauer im Juniheft der „Tat** erschienen sind, atmen christliche „Luft mit jedem Atemzuge*'. So sehr, daß mein Freund sie mir schleunigst brachte, mit seinem eindeutigen, judsverschmitzten Lächeln auf den Lippen. In Psalmen, einer urjüdischen Kunstform, wäre es wohl nicht unmöglich, sich des Gottes eines gewissen Mose, eines gewissen David und dieses gewissen Volkes der Juden überhaupt zu erinnern — eines Gottes, der mit dem Luthers eine gewisse Verwandtschaft hat. Wendet sich ja der Geist der Reformation in so vielem Wesentlichen zum Alten Testamente zurück. Doch bekennt der Dichter: „Ich bete zum Gotte Luthers, Beethovens und Michelangelos'*, zu dem der „Männer in Kutten, Stolen, Talaren", zum Gotte Münzers und Karlstadts. Die „riefen wider Marien und Bruckner kniete vor ihr in Domsymphonien". Die alle „haben die Glocke zu Gott geläutet. . . Gott hört mich in meinem Münster schrein ... Ich muß auf den Turm und die Glocke läuten.'* Mein Freund blinzelt. Dieser mein Freund und Chauvinist begnügt sich aber nicht mit der Konstatierung des prononzierten Mangels alles Anklanges an irgendwie Jüdisches und der prononzierten Betonung von Christlichem. Er würde gern auf sogenannt objektiv-literarkritische Weise dem 34*

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