Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Die geblieben sind
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 490 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Bemerkungen schaa su ..." kommt aus den Kreisen der palästinensischen Schriftsteller und ist dem 25 jährigen Jubiläum Ch. N. Bialiks gewidmet. Von Bialik war in der letzten Zeit viel die Rede; in allen Zungen der Diaspora. Hier aber wird von ihm anders gesprochen. Nicht bloß als Wunder, nicht als Einzelerscheinung wird hier der Dichter empfunden. Ein Gipfel ist er hier einer ganzen Geisteswelt, der er entsproßte und mit der er organisch verwachsen ist. Nicht abgesondert steht er hier, sondern mit all seinen Vorgängern und Nachfolgern, Gegnern und Mitkämpfern, Lehrern und Waffenträgern. Ein Buch ist es, das von Kennern geschrieben und für Eingeweihte bestimmt ist, das Kenntnisse voraussetzt und ein Auditorium im Auge hat, dem all die Labyrinthe der neuen, aber viel verzweigten, ideenreichen und schicksalsbunten Literatur geläufig sind, und dem diese Literatur die natürliche Geistesluft ist. Nicht bloß ein Dichter kommt uns in diesem Buche entgegen, sondern ein altes, weitausgedehntes Geistesreich, in dem der gepriesene Dichter als König thront und jeder Leser ein treuer Schildknappe ist. Hier ist eine Kultur zu Hause, eine Kultur, die zwar viel älter ist als der Jischuw Palästinas, die aber von jeher die Kraft besaß, die geistig-autonomen Juden, wo sie auch sein mögen, von ihrer Umgebung auszuschalten und zu einer neuen Einheit zusammenzuschließen. In dieser Kulturwelt wurzelten die meisten Pioniere Palästinas, noch bevor sie das wirkliche Palästina kannten, sie war es, die mit ihrem positiven Wesen das Fremde, der Umgebung noch fremder machte und die Sehnsucht nach Erlösung bis zur Höhe der unausweichlichen Tat steigerte. Ist nicht auch in ihr zugleich die Kraft zu suchen, die die Atome im Lande aneinander klammert, zu einer Gemeinschaft umgießt, sie an die Scholle fesselt, mit unwiderstehlichem Willen begabt und mit eiserner Geduld segnet? Ein politisches Programm allein kann festgelegt und geändert werden, es kann sogar von einem anderen politischen Bestreben durchkreuzt, ja vor ihm verdrängt werden. Ein gemeinsamer Wunsch macht aus Atomen noch keine Gemeinschaft. Aber wenn sich ihm noch eine Kultur zugesellt, die sie mit dem Spruch des lebendigen und stets von neuem befruchtenden Geistes bannt, sind sie auch dann noch immer Atome? Oder verliert dann jeder Sturm über sie seine vernichtende Macht? Wäre das neue jüdische Leben, das uns im „Ben Hasmanim" Rätsel aufgibt, ohne die neue jüdische Kultur möglich gewesen, die im zweiten „Beschaa su" zum Wort kommt? R. Salman Wie aus einem Juden ein Deutscher ward (Nachgewiesen an Ernst Lissauer) Mein Freund, ein vermaledeiter Grübler und Nörgler, hat geistige Scheuklappen an: alles sieht er unter einem Aspekt, alles sub specie judaitatis. Kam da 1907 eine kleine Gedichtsammlung von Ernst Lissauer, „Der Acker", heraus. „Ist der ein Jude?" „Du," sagte mein Freund, „wenn heute in dem kleinen Erstlingswerkchen eines 24 jährigen drei Jesuslegenden stehen, so ist der Dichter ein Jude." 1912 erschien „Der Strom" desselben Dichters. Mein Freund brachte das Buch eilig zu mir. Schon zu Hause hatte er das Gedicht von der Kapellenruine aufgeschlagen, von der Muttergottes und ihren Wundern; „still trete ich ein, ich neige mich tief und verehre die tragenden Zweige." In einem andern Gedicht ragt vor uns das dämmernde Münster und der Altar und das Schiff und die Orgel und Empore; in „Jesus und die Bauern" zieht „Herrn Jesu evangelisch Heer" aus. Gedichte mit den Titeln „Stimme des Blutes", „Vergangenheit" und „Herkunft" finden sich dort, aber alle beziehen sich auf das rein Subjektive. An Jüdisches klingt unmittelbar und mittelbar kein einziger Ton an. „Du —--" sagte mir mein Freund und blinzelte nur so. Bald darauf kam die Moritz Goldstein-Debatte im „Kunstwart". Lissauer meldet sich im Sprechsaal. Bestreitet, daß die Juden „heute noch ein Volk sind: alle Kriterien dafür mangeln". Versichert, daß die deutschen Juden mit denen im Osten „nichts gemein haben, als die äußerliche Bezeichnung der großenteils innerlich nicht mehr bekannten Konfession. Wir sind nicht Volksgenossen mit jenen". Dementsprechend ist „es nicht wahr, daß der Haß, zumal gebildeter Deutscher, den Juden als solchen treffe". Auch konstatiert er mit beruhigender Genugtuung, daß der Prozentsatz der Juden sich dauernd vermindert und „vor allem aber: immer weniger gebildete Juden lassen ihre Kinder Hebräisch lernen, immer weniger feiern die jüdischen Feste". Nicht bei denen, sagt er, ist „das Heil, die zum Rückzug blasen und eine palästinensische Enklave in Deutschland herstellen wollen, sondern bei denen, die im unaufhaltsamen Zersetzungs- und Assimilationsprozeß die Vordersten sind".