Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 488

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Die geblieben sind
Date
1916-10-01
Page
488 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875883-3108011--0686-3108093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

488 Bemerkungen daß jedes Haus eine Wunde hatte, die unheilbar war; daß jede Tür eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte; daß jedes Glas eines jeden Fensters auf Dinge geschaut, die besser in dichtem Dunkel begangen worden wären; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief, daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrübt wurden; daß die Bereitwilligkeit, sich zu verkaufen, in keinem verschlossenen Haus geringer war, als in jenen öffentlichen; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt; daß die Händler des Fleisches und die Händler des Geistes bei Tag und Nacht, jahraus, jahrein durch die Gassen gehen und harmlos scherzend Gift säen; daß die Kaserne und das Spital, der Palast und das Gefängnis, die Kirche und das Wirtshaus, das Theater und die Schule von einem Schmerz gepeinigt, von einer Lüge erhalten, von einer Hoffnung betrogen werden ... Und Jude oder Christ, was bedeutete ihm das noch gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf, der hier zwischen schlafenden Mauern geführt wurde? Jude und Christ hatten in gleicher Weise dazu beigetragen, das Jahrhundert dorthin zu führen, wo es stand, und ihre Todeszeugen fielen einander grinsend in die Arme und schlössen Bruderschaft." 5. Für den heutigen Juden, den wir überwinden wollen, gibt es immer wieder nur eine Moral der Geschichte, hat die Geschichte nur einen Sinn und ist der Sinn der „jüdischen Mission" nur der eine: „den bestehenden Verhältnissen Rechnung zu tragen", wie jedes zweite Wort seiner Phraseologie lautet. Man kann aber nicht besser den Verhältnissen Rechnung tragen als durch Verhältnisse, wie die oben mitgeteilten. „Verhältnisse", „Rechnungen" und Dinge, die „tragen", das ist der ganze Inhalt seines Lebens und seiner Zeit. In diesen Tagen des schrecklichsten jüdischen Elends, da man mehr als sonst bereit ist, sich mit dem Teil statt des Ganzen zufrieden zu geben, um nur dem Jammer ein Ende zu machen, tut es besonders not zu sagen: uns geht es um das Ganze. Die Judenfrage ist für uns untrennbar verknüpft mit der sozialen, der sexuellen und allen anderen Fragen unserer Zeit. Wir begnügen uns weder mit den bestehenden Verhältnissen noch mit der Rettung eines gequälten Volkes. Wir erhoffen von der Lösung des jüdischen auch die Lösung aller anderen Probleme. Wir glauben an das Volk, das einst in Wahrheit die nun brüchige und entstellte Menschheit gestaltet hat, und das auch wieder, von seiner eigenen Brüchigkeit und Entstellung befreit/rein und neu geworden, eine reine und neue Menschheit heraufführen wird. „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, daß man der vorigen nicht mehr gedenken wird noch sie zu Herzen nehmen", spricht der Herr. Albrecht Hellmann Die geblieben sind Die Grüße, die aus dem Lande der jüdischen Arbeit und Hoffnung kommen, werden mit jedem Tage trauriger, zugleich aber zum Nachdenken anregender. Zu all den unzähligen Plagen der Zeit, den allbekannten und den vorläufig der Öffentlichkeit verborgenen, kam eine neue hinzu, die die früheren in den Schatten zu stellen droht. Einen Flecktyphus schenkte der Krieg dem Lande, der sich in ganz kurzer Zeit vielversprechende und begabte Volksschullehrer, verdienstvolle Ärzte, junge Pioniere, treue Krankenpfleger als Opfer suchte und eine große Schar von Unbekannten, die im Stillen lebten und den Alltag in schlichter Weise ausfüllten, dahinraffte. Jede Lücke, die der Tod eines Arztes verursachte, blieb vorläufig unausgefüllt und gewährte dem Todesengel neue Ernte. So dehnte sich die Seuche über Stadt und Dorf, „Alt" und „Neu" aus, von den engen Gassen Jerusalems bis zu den Höhen des gesegneten Safed. Und die jüngsten hebräischen Plakate Tel Awiws verkünden das Nahen einer neuen Gefahr, die schon hier und dort ihre blutrünstigen Spuren zeigt. Die Tore Palästinas stehen fast für jeden offen, der flüchten will. Warum bleiben die Menschen? Wer würde auf sie einen Stein zu werfen wagen? Ist es wirklich eine nationale Pflicht, die palästinensischen Friedhöfe zu bevölkern? Oder haben sie auch die alte jüdische Angst um die Gesundheit verlernt? Manche sind geflüchtet, die einen, um anderen Pflichten außerhalb Palästinas nachzukommen, die anderen, um ihre Person vor den drohenden Gefahren zu retten. Für die aber, die geblieben sind, scheint es keine Flucht zu geben. Sie kennen nicht Pflichten, die ihren palästinensischen vorgehen, und wissen nirgends einen Platz, der ihnen Ruhe und Zuflucht außerhalb dieses Landstreifens gewähren könnte. Alle anderen Wege sind für sie ein für allemal unbeschreitbar. Nur einen einzigen Pfad, einen ausgesuchten, selbstgewählten kennt das Auge, einen dornigen, gefahrvollen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.