Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Russentum, Polentum und Juden
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 483 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen 483 stellt, nach deren Gründen zu fragen für uns von Bedeutung sein muß. Die frühere Sehnsucht des nationalen Polentums ging naturgemäß auf die Wiederherstellung ihres Königreichs wenigstens in relativer Vollständigkeit und Unabhängigkeit, und der Hauptgegner hieß in allen künstlerischen, literarischen und politischen Äußerungen dieses von Haus aus der Westkultur angehörenden Volkes: Rußland. Indes schlugen alle Auflehnungsversuche und Revolutionen fehl, insbesondere fiel die letzte Kraftprobe in den chaotischen Jahren nach dem russisch-japanischen Kriege so schlimm für die Polen aus, daß ihnen alle langgehegten Hoffnungen dabei als Trugbilder zerbrachen. Ihre Ohnmacht wurde ihnen in einer unerwartet endgültigen Weise zu Gemüte geführt. Mehr als ein Jahrhundert hindurch hatte sich dieses Gemüt auf die kommende Nemesis vorbereitet, um nun plötzlich zu erkennen, daß die Wirklichkeit des Schicksals alle jene Vorbereitung endgültig als vergeblich hinstellte. Der staatlich organisierte Feind konnte von einem nur noch gesellschaftlich organisierten Widerstande nicht einmal im Momente seiner größten Schwäche ernstlich angegriffen werden . .. Statt nun die Erwartung auf das unvermeidlich nahende Schicksal der Waffenentscheidung zwischen den über das Polentum herrschenden Kaiserreichen zu richten, wie es früher Jahrzehnte hindurch geschah, und statt die Kräfte ausschließlich auf die Erziehung und Festigung ihres gesamten Volkes zu konzentrieren, griffen darauf die unter russischer Gewalt stehenden Polen zu einem anderen, allerdings sinnfällig einfacheren Mittel, in dem wir aber wiederum nur ein Zeichen der Schwäche und der Mißleitung erkennen: sie stellten den inneren Kampf gegen das Moskowitertum mit jener Plötzlichkeit und Willkür ein, die schon in "der vormaligen Geschichte Polens mehrfach dem Historiker auffällt, und verbanden sich, dem mächtigeren Gegner sich nun öffentlich unterordnend, zu einem um so wütenderen Kampfe gegen einen weit schwächeren, weit leichter zu treffenden und zu vernichtenden „Feind**, gegen das Judentum in ihrer Mitte. Ein starkes Polentum hätte seine Juden unschwer mit zum Kampfe gegen seinen rücksichtslosesten Gegner, Rußland, erziehen und gewinnen können. Das geschwächte willenlos gewordene Polentum suchte statt dessen nach billigerem rasch berauschendem Siege, und focht nun einen wahrhaft beschämenden Kampf gegen alles Jüdische in seiner Mitte, wobei es auf jede edlere Waffe noch verzichten zu können glaubte, und einen Feldzug im Schmutze der Straße und der Straßenpresse unternahm, dem nur Wenige — und selbstverständlich darunter die Besten der Nation — entgingen, noch Wenigere sich empört entgegenstellten. Der Weltkrieg schlug in diese Kampagne wie ein Blitz und reinigendes Gewitter ein. Es gab wieder ein polnisches Volk, wo soeben noch die Führer des Mobs herrschten. Und nun sind die eigentlich polnischen Gebiete drüben der moskowitischen Macht entrissen. Wie wird sich jetzt das Polentum stellen? ... Mit einer Frage haben wir hier begonnen, und schließen wieder mit einer Frage ab: denn in den verwickelten Verhältnissen des Ostens kann nur die schöpferische geschichtliche Entwicklung selbst die Antwort entscheiden. H. G. Mut (Aus dem Felde) Ich erinnere mich, vor kurzem in der (klerikalen) Wiener,,Reichspost** eine Polemik gegen den Friedensapostel Fried gelesen zu haben. Fried hatte nichts weniger behauptet, als daß Mut eigentlich kein Mut sei, da jeder Mutige, optimistisch genug, damit rechne, es würde ihm nichts geschehen. Natürlich hatte die „Reichspost** das Problem sofort auf persönliches Gebiet hinüber jongliert und etwa gesagt: „Also das ist der Mut des Herrn Fried**. Anderseits sagt Schopenhauer (etwa): „Mut kann keine Tugend sein, da uns darin sogar die Tiere übertreffen, wie die Redensart ,Mutig wie ein Löwe* beweist.** Trotzdem aber sträubt sich in uns alles, zuzugeben, Mut sei keine Tugend — oder vielmehr, Feigheit sei kein Laster. Dieses Sichso-wichtig-nehmen, dieses Sichklammern an seine eigene, nichtige Existenz, dieses Unvermögen, sich höheren Zwecken aufzuopfern — dies alles sei kein Laster! Aber hier haben wir das Stichwort: „sich aufzuopfern** — darum handelt es sich bei der ethischen Beurteilung. Diese Art von Mut wird dem Löwen wohl niemals einfallen! Offenbar gibt es eben zweierlei Arten von Mut: Kampfesmut und Opfermut, aggressiven und passiven Mut. Ihre negativen Korrelate sind Furcht und Feigheit. Schopenhauer meint ersichtlich Kampfesmut — die „Reichspost*' und wir alle sonst: Opfermut; Fried: Kampfesmut sei nicht Opfermut. Ja, wir können es ruhig sagen: der Mut des Löwen, der Kampfesmut, ist ganz und gar keine Tugend. Er ist etwas Wunderschönes, wie eine Kavallerieattacke, wie das Vorgehen einer Infanterieschwarmlinie, wie ein Fliegerkampf, wie ein Bombardement —