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Der Jude · 1916-10-01 · Heft 7 (Oktober 1916) · p. 482

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 7 (Oktober 1916)
Article
Russentum, Polentum und Juden
Date
1916-10-01
Page
482 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Russentum, Polentum und Juden*) Wie das Russentum sich mit den ihm verbleibenden Juden nach dem jetzigen Weltkriege abzufinden gedenkt, ob es bei der asiatisch starren Verfolgungssucht hartnäckig verbleibt, oder ob es die latenten geistigen und wirtschaftlichen Kräfte seiner jüdischen Volksteile zu leiten und abzuleiten sich endlich entschließt, läßt sich noch schwer beurteilen und voraussagen. Tatsache ist, daß die russischen Machthaber von jeher den Einfluß eines sich über ihr Land verteilenden Stromes jüdischer Elemente gefürchtet haben. Tatsache aber ist auch, daß jede großzügige Epoche russischer Entwicklung von einer Erweiterung der Rechte und Lebensäußerungen der Juden in Rußland begleitet war. Peter der Große öffnet ihnen (von frühen Einzelpionieren abgesehen) als erster das Land, die Rückkehr seiner unmittelbaren Nachfolger zu verstärktem staatlichreligiösem Byzantinismus nimmt jenen Schritt zurück. Die breit reformatorisch versuchende deutschgeborene Katharina II. läßt abermals Juden hineinkommen, der Mitbezwinger der Napoleonischen Macht Alexander I. macht die ersten Versuche zu ihrer organischen bürgerlichen Einordnung, die zuletzt im Krimkriege ruhmlos vergoltene Niedergangszeit des ersten Nikolaus dagegen sucht sie grausam heim. Das im Inneren und nach außen wieder erstarkende, das neuzeitliche Slawentum durch Waffenmacht begründende Rußland Alexanders II. bringt dann den Juden von neuem wertvolle Zugeständnisse; nach einem jähen Rückfall zur staatlichen Orthodoxie erfolgt aber hier in der Grundrichtung seit nunmehr einem Dritteljahrhundert eine vollständige Umkehrung, die ebenso methodisch durchgeführt ward, wie sie das sichere Zeichen eines entscheidenden neuen Niedergangs darstellte ... Was ein Jude den östlichen Machthabern vorhalten muß, ist nicht nur der bittere Vorwurf einer maßlos übertriebenen, in solchem Maße keiner ethischen Rechtfertigung fähigen *) Dieser für ein früheres Heft bestimmte Beitrag kann erst jetzt erscheinen. (Anm. d. Red.) sozialen Unterdrückung: sondern auch der Hinweis darauf, daß die Macht eines Staates der heutigen Zeit nur durch die Anspannung aller ihm verfügbaren Kräfte aufgebaut werden kann, daß die unterschiedslose Abweisung und Erstickung aller jüdischen Kräfte einen nicht unbedeutenden Ausfall in dieser Richtung verursacht; daß dabei aber auch das schöpferische und gestaltende Element der staatlichen Führung, indem es mechanisch erdrückt, was es dynamisch lenken oder höchstens überwachen sollte, auf einem konkreten Lebensgebiete sich selbst als machtlos und untauglich hinstellt. Dies ist wohl auch objektiv ein Symptom niedergerichteter Entwicklung, und kann von uns nicht anders gesehen werden — letzteres eine Einschränkung, die dem Instinkt de* Gegners gerecht zu werden versucht, während wir in seinen darauf beruhenden Ideengängen und praktisch-juristischen Folgerungen, bis zur Duldung und Veranlassung von Ritualprozessen und Pogromen einschließlich, unverkennbare Anzeichen einer allgemeinen Mißleitung der Naturkräfte des russischen Reichsgedankens erblicken, die vor dem Richterschwert der Geschichte nicht hat bestehen können, und auch in der Zukunft zu bestehen nicht imstande sein wird. — Merkwürdigerweise hat nun die Entwicklung des Polentums im letzten Jahrzehnt eine Richtung eingeschlagen, die mit jener der letztgehaltenen russischen Judenpolitik die gleichen Grundtendenzen aufweist, aber nur noch schärfer ausgeprägt wurde, da sie schon Bestehendes blindlings angriff, wo das Reich des Ostens es nur nicht hat weitergehen lassen wollen. Der Schrei nach „Entjudung" der polnischen Lande wurde mit elementarer Wut in die Massen geworfen und fand Gehör auch in den repräsentativeren Kreisen, die vorher Besseres als Ziel kannten. Wir nennen eine solche Entwicklung merkwürdig, weil sie in den Traditionen des Polentums jenseits der deutschen Reichsgrenze teils nicht — wenigstens entfernt nicht in diesem Maße — enthalten war, anderenteils diesen Traditionen direkt widersprach, daher eine Neuorientierung der polnischen Massenpsyche dar-

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