Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Kinderpredigten
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 480 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Kinderpredigten Kind in seinen Armen, bis sie die Ebene erreichten. „Vater, ich bin müde," sagte das Kind nach einiger Zeit. Geduldig und liebevoll trug er es, bis es ausgeruht hatte. Gegen Abend langten sie an einer Burg an; die Tore waren fest verschlossen, nur eine kleine Fensteröffnung befand sich in der himmelhohen Mauer. Laut schrie der Vater und bat um Einlaß, aber niemand hörte ihn. Da sprach der Vater zu seinem Sohne: „Mein Kind, nur du kannst jetzt uns beiden helfen. Schlüpfe durch dieses Fenster lein und flehe den Herrn der Burg an, daß er auch mir Einlaß gewähre." Ihr heiligen Kinder! Ihr wißt wohl, daß wir das ganze Jahr euch alle Lasten abnehmen und für euch sorgen. Jetzt aber bedürfen wir selbst der Hilfe. Denn schwere Tage sind für uns gekommen, an denen wir in Gebet und Buße zur Burg unseres Gottes vordringen wollen, und sie ist uns versperrt. Unsere Weisen haben es uns enthüllt: Seit dem Tage, an dem der Tempel zerstört wurde, sind die Tore des Gebetes verschlossen. Nur ihr könnt unserem Gebeten Einlaß verschaffen. Der Aufschrei der Kinder, der reine Hauch ihres sündenreinen Mundes reißt die Fenster des Himmels auf. Ihr leichtbeflügelten jungen Vögelchen, ihr könnt zum Himmel emporflattern, umfauch uns die Tore des Lichtes, der Gnade und des Erbarmens zu öffnen, II. Am Vorabend des Rosch haschanah. nSü Ihr heiligen Kinder! Neigt euer Ohr dem Gleichnis, das ich euch erzählen will. Einst reisten viele Kaufleute von dem Jahrmarkte in Leipzig nach Hause. Sie führten die Waren, die sie dort erstanden hatten, mit sich — die einen viel, die anderen weniger, je nachdem ihnen Gott beschert hatte. Die Gegend, durch die sie ziehen mußten, war unsicher, denn Räuber und Plünderer hielten sich dort versteckt. Da sie einen Überfall fürchteten, beschlossen sie, eine Schar bewaffneter Wächter anzuwerben, die sie und ihre Habe vor den Unholden schützen sollen. Wer aber sollte das viele Geld, das die Wächter verlangten, bezahlen? Alle! werdet ihr wohl antworten. Gewiß! Aber sollten alle zu gleichen Teilen zahlen? Nein! Mit Recht trafen sie das Übereinkommen: Je mehr Waren einer mit sich führt, einen desto größeren Teil muß er beitragen, und dann je nach der Länge des Weges, den einer vor sich hat. Die nur eine kurze Strecke bis zu ihrer Heimat haben, zahlen am wenigsten, mehr schon, die entlegener wohnen, das meiste aber müssen die entrichten, deren Heim sich in großer Entfernung befindet. Wir alle, Greise, Männer und Kinder, haben einen unsicheren, gefahrvollen Weg vor uns. Der Satan und sein Heer lauern, besonders an diesen furchtbaren Tagen, auf uns, um uns zu überfallen. Nur Gott kann uns schützen, und er wird uns schützen, wenn wir aus tiefem Herzen um seine Hilfe rufen. Denn er hat uns gelobt: Mit Weinen werden sie kommen und mit flehentlichem Gebete, — ich, der Ewige, werde sie führen. Nun, Kinder, wer von uns soll am inbrünstigen beten, wer am inständigsten unsern Führer und Wächter um seinen Schutz anflehen? Doch die, die den längsten Weg vor sich haben. Die Greise — ihr Tag naht, bald werden sie in ihr ewiges Heim zur Ruhe einziehen, und ihr Gebet gilt nur noch der kurzen Spanne Zeit ihrer Erdenwanderung. Auch die Männer haben schon einen guten Teil ihres Weges zurückgelegt, wenn auch die ihnen drohenden Gefahren noch immer groß genug sind, und sie mehr dem Schutze bedürfen als jene. Ihr Kinder