Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-10-01
- Page
- 479 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Kinderpredigten 479 Petersburger Sammelbuch Nr. 21. — Ist das nicht eine Pracht, dieses Liedchen, das das Kind auf den ersten Schulgang hinausgeleitet? Die Lehre wird dich vor allem Bösen behüten, — der Rebbe wird für deine Seele sorgen, wie wir, deine Eltern, für deinen Leib, und wie auf einen Gott sollst du auf ihn hören. Sei mir klug, mein Liebling, und lerne, denn Gottes Gebote sind wie Honig süß, alles, alles geben sie dem, der sie will und hinnimmt. Sie geben ihm Leben und Ehre und Geld, — das sind die Dinge in dieser Welt. Und am Ende, mein Kind, ist es die schönste und seligste Arbeit, dieses Lernen, das nur rein und schön ist,und das allein auf der Welt nicht mit Leid bezahlt werden muß. Berlin Arno Nadel KINDERPREDIGTEN*) von Rabbi Jakob aus Dubno und Rabbi Abraham Dow Flohm Rabbi Jakob Kranz (1740—1804), im Volksmunde schlechthin „der Dubnoer Magid" genannt, wirkte als Wanderprediger in Dubno und zahlreichen anderen Städten Russischpolens. Er zeichnet sich besonders durch seine ursDrünglichen Parabeln und Gleichnisse aus, die er in seine Predigten zu verweben pflegte. Einer seiner Bewunderer, ein berühmter Zaddik, soll gesagt haben, die Seele des R. Jakob stamme aus dem „Olam hamaschal", der Welt des Gleichnisses; deshalb sei sein Beruf auf Erden Meschalim, Gleichnisse zu dichten. Er ersinne sie nicht, sondern gebe nur wieder, was er im Jenseits erlauscht habe. R. Jakob hat uns viele hunderte solcher Gleichnisse nacherzählt. Nicht als freie Dichtungen, sondern um schwierige Bibelstellen zu erklären und die Andächtigen zu erbauen. Denn zu jenen Zeiten gewährten die Juden, besonders die des Ostens, der Dichtung nur so viel Raum, als sie der Thora zum Zierat dienen konnte. Sie mußte sich an diese ranken, um nicht als eine der Eitelkeiten dieser Welt abgelehnt zu werden. Dem Wilnaer Gaon, der ihn fragte, wie er es denn anstelle, seine Parabeln mit den Bibelstellen in Einklang zu bringen, gab R. Jakob zur Antwort, er passe seine Parabeln den Bibelstellen an, mache es, wie jener Schütze, der aufs Geratewohl in eine Zielscheibe Löcher schoß, diese mit weißen Kreisen umgab und so den Anschein erweckte, als hätte er genau in den Mittelpunkt getroffen. Aber man gewinnt den Eindruck, daß gar oft lediglich die Lust zum Fabulieren R. Jakob seine Parabeln eingegeben und er erst hinterher, gleichsam um diese zu sanktionieren, sich die dazu passenden Bibelstellen ausgesucht habe. Sein Schüler und Nachfolger R. Abraham Dow Flohm ist als Mitverfasser seiner Schriften anzusehen. R. Jakob hat nur lückenhafte Entwürfe und zusammenhanglose Notizen hinterlassen und erst den Bemühungen R. Abrahams gelang es, ihnen die Form zu* geben, in der sie uns vorliegen. T. Am 'ersten Slichothtage. Ihr heiligen Kinder, ihr lieben Jünglinge, ich will euch ein Gleichnis erzählen, damit ihr wißt, daß es besonders an euch ist, in den Tagen der Ehrfurcht, die uns zum Heile entgegentreten, euer Herz vor unserem Könige, unserem Gotte auszuschütten. Ein Vater ging einst mit seinem kleinen Sohne auf die Wanderung. Da kamen sie an einen Fluß. Der Vater lud das Kind auf seinen Rücken und durchwatete mit ihm das Wasser. Ein Berg trat ihnen in den Weg, und wieder trug der Vater das *) Aus einem in Vorbereitung befindlichen Buche von Abraham Robinsohn: ,,Des Rabbi Jakob aus Dubno und des Rabbi Abraham Dow Flohm Predigten, Gleichnisse und Deutungen**.